Message from hell: Höllische Elternchats und warum mir die Gerüchteküche nicht schmeckt

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Photo by Matheus Ferrero on Unsplash

Ja ja, so kann es gehen. Da lobe ich in der einen Woche noch die Mamablogs und sogar die Mütterforen, nur um in der nächsten Woche eine gefühlte Kehrtwende zu machen. Eltern-Chats kommen nämlich echt aus der Hölle.

Wer WhatsApp-Gruppenchats erfunden hat, hat sicher nicht an den Mitteilungsdrang unterbeschäftigter oder gelangweilter Kleinstadtmütter gedacht. (Buh, die böse Frau fängt an zu ätzen und hält sich für was Besseres.. Nein, ich hab mich nur sehr geärgert. That’s all. Und ja, ich ärger mich echt öfter mal.)

Ich bin Mama. Ich lebe in der Kleinstadt, meine Kinder gehen in eine der örtlichen Kitas, und ich bin Teil des “Löwenzähnchens-Elternchats”.

Hip Life, where are you gone?

Was gegründet wurde, um eine durchaus ernste Angelegenheit zu besprechen, fängt an, mich verrückt zu machen. Denn ich erfahre Dinge über meine Mit-Mütter, auf die ich hätte verzichten können.
Da ich die Kinder nur die Hälfte der Woche überhaupt selber in die Kita bringe, und wenn, dann morgens eine der ersten oder nachmittags eine der letzten (um fucking 14. 30 Uhr) bin, habe ich sonst angenehm wenig Kontakt zu anderen  Müttern.

Versteht mich nicht falsch, ich bin zugezogen und habe über genau DIESEN Kindergarten echt tolle Mütter kennengelernt, mit denen ich wahnsinnig gerne meine Zeit verbringe. Fakt ist aber auch, ich passe mit meinen Tattoos, ab und an mal rosa Haaren oder Dreads oder anderen GroßstadtVerücktheiten meist nicht so recht in das Schema F der Kleinstadtelternszene. Das ist okay. Die Kleinstadt und ich kommen mit dieser On-Off-Beziehung ganz gut zurecht.
Aber es bedeutet eben auch, dass viele Muddis hier auf einer anderen Wellenlänge unterwegs sind als ich. Und das können sie ja auch. So lange ich nicht mitsurfen muss.
Außer – wenn es um den Eltern-Chat geht. Da bin ich gefangen und mittendrin und finde keinen Weg heraus.
Wer einmal einen Gruppen-Chat verlassen hat, der weiß, welche Emotionen hiermit verbunden werden. Austreten wär also irgendwie nicht so cool. Meine Handynummer, die ich ungelogen seit 15 Jahren habe, heimlich wechseln, vielleicht etwas radikal. Stumm schalten hilft nur bedingt. Wenn da was steht, will ich auch wissen was. Neugier, i hear you.

Also versuche ich mich in stillem Kopf-Schütteln und möglichst aus Diskussionen raushalten.

Was ich aber gar nicht haben kann, ist, wenn Leute anfangen über andere zu hetzen. Und dann auch noch, weil “sie auch schon von anderen gehört haben, dass das so sei.” Hörensagen als Beleg finde ich als Journalistin schon berufsbedingt zu schwammig. Ich halte es da eher mit den berühmten mindestens zwei unabhängigen Quellen. Am liebsten recherchier ich das aber dann selber vor Ort.

Über eine Erzieherin in deren Abwesenheit (im Eltern-Chat) abzuhetzen, sie ginge nicht gut mit den Kindern um, finde ich schlicht gesagt, zum Kotzen.

Schlechter Stil ist noch zu nett dafür. Und wenn ich zufällig über genau diese Erzieherin  weiß, dass Kinder verrückt nach ihr sind, und selber eine hohe Meinung sowohl von ihrer Persönlichkeit, als auch von ihrer fachlichen Qualifikation habe, dann möchte ich an die Decke gehen.

Da hilft bei mir auch kein stilles Kopfschütteln. Da möchte ich (Achtung Rant!) die Mutter selber schütteln und ihr sagen: “Hast du noch alle Tassen im Schrank? Was fällt dir ein, dich hier so zu benehmen? Und überhaupt, wenn du schon so einen Mist von dir gibst, dann denk doch mal über Rechschreibung nach! Groß- und Kleinschreibung hilft echt beim Verständnis, genau wie Kommasetzung und mach doch mal einen Punkt! Und wer nicht mal weiß, wie Schuld geschrieben wird, der sollte hier lieber mal ganz kleine Brötchen backen!”
Natürlich habe ich all das nicht gesagt. Wer weiß, vielleicht hat die Dame ja eine Rechtschreibschwäche, vielleicht hatte sie familienbedingt keinen Zugang zum Bildungssystem, da kann ja auch keiner was für. Aber was ich nicht gelten lasse, ist das Hetzen. Ich war als Kind selber mal eine Zeit lang das Mobbingopfer von ein paar Arschlochkindern. Und nein, es fällt mir selbst heute nicht leicht, das zuzugeben. Deswegen bin ich da rigoros. Wer sachliche Kritik anzumerken hat, immer gerne. Aber wer nur die Nase von jemandem scheisse findet und deswegen anfängt Gerüchte zu streuen, der ist bei mir unten durch.  Ich habe der Mutter dann also so sachlich wie ich konnte gesagt, dass ich das nicht gelten lasse und sie das bitte unterlassen möge. Selbstbeherrschung my ass.

Was ich mir wünsche:

Das mehr Menschen dazwischen gehen, wenn andere anfangen zu hetzen. Das beginnt nämlich meist im Kleinen. Oft sind es die Zwischentöne, die gerümpfte Nase, die hochgezogene Augenbraue oder eine dahingeworfene Behauptung.
Wenn wir ehrlich sind, merken wir meist sofort, wenn jemand uns oder anderen nicht wohlgesonnen ist. Aus Angst zwischen die Fronten zu geraten, aus Rücksichtnahme, aus Faulheit oder Nicht-so-wichtig-nehmen oder Endlich-sagt-es-mal-einer halten wir viel zu oft die Klappe. Dabei sind es zu Anfang oft nur einzelne Störenfriede, die sich selber dadurch aufwerten wollen, dass sie andere runtermachen. Dazu brauchen sie aber eine Truppe, die sie bestätigt.

Ohne ein “Jawoll”  verhallen ihre Boshaftigkeiten nämlich einfach im luftleeren Raum und da kennen sie sich ja aus.

Lassen wir diese Gemeinheiten unkommentiert stehen, kann das schon als Bestätigung von anderen gewertet werden. Nicht ohne Grund ist das Konzept von Counter Speech von Gruppen wie #ichbinhier so wichtig und erfolgreich. Argumentieren wir dagegen, gilt das Gesagte schon nicht mehr als unumstössliche Tatsache, sondern wird als subjektive Meinung enttarnt.

Als Antwort kam von der besagten Dame übrigens nur noch ein laues “Ach so, ich hab da wohl eine andere Meinung” und es wurde nicht mehr weiter kommentiert. Die anderen stillen ZuhörerInnen wissen jetzt aber, dass hier wenigstens mal zwei Meinungen gegenüberstehen. Im besten Fall machen die sich jetzt ihr eigenes Bild.

 

Anmerkung: Mit der betreffenden Mutter begann nach diesem Blogbeitrag ein offener, konstruktiver und sehr respektvoller Austausch mit Anerkennung der jeweils anderen Argumente. Fehler auch mal eingestehen zu können, finde ich groß. Und auch wenn wir vermutlich nicht bei allen Punkten auf einen Nenner kommen werden, so finde ich diese Reaktion vorbildlich und freue mich sehr über das Gespräch.

 

 

2 thoughts on “Message from hell: Höllische Elternchats und warum mir die Gerüchteküche nicht schmeckt

  1. Danke dafür. Ich habe mich in der Vergangenheit so oft über mich selbst geärgert, weil ich eben nicht den Mund aufgemacht habe. Immer dann, wenn es mich fassungslos gemacht hat, wie Menschen sich über andere stellen. Weil sie denken, sie wissen es besser oder sind besser. Zum Kotzen. Als Mutter habe ich dann schlussendlich gelernt, dass ich solche Menschen nicht brauche und vor meinem Abschied aus der ein oder anderen Gruppe auch sage, warum ich gehe. Die ein oder andere Fassungslosigkeit war mir ein Fest.

    1. Das hat natürlich noch viel mehr “Eier”, wenn man dann so geht. Chapeau! Irgendwer hat mal zu mir gesagt, “wer bei dir über andere lästert, der lästert bei anderen auch über dich”. Versuchen wir lieber uns auf die positiven Menschen in unserem Umfeld zu konzentrieren.

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