Interview: Wie Lisa auf die Idee kam, einen bedürfnisorientierten Kindergarten zu gründen

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Manchmal passt einfach alles zusammen. Ihr fühlt euch gut aufgehoben, habt liebe Menschen um euch herum, der Familie geht es gut und am besten scheint auch noch die Sonne. Das ist nicht nur wunderschön, sondern auch gerade dann wichtig, wenn es um unsere Kinder geht.

Manchmal aber, da meldet sich euer Bauch und der sagt, hier stimmt etwas nicht. Und ihr wisst ja, dass ich sehr viel von der Intuition als Mama oder Papa halte. Deswegen möchte ich euch heute eine Frau vorstellen, die auf ihren Bauch gehört hat. Und nun vor einem riesigen und aufregenden Projekt steht.

Wer bist du?

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Ich bin Lisa Schrod, wohne mit meiner Familie (Mann, Kind, Hund) in Ladenburg (Anmerkung Sonja: kleine Stadt am Neckar, nördlich von Heidelberg) und bin 36 Jahre alt.
Vor einer gefühlten Ewigkeit habe ich BWL studiert und fand damit einen recht „einfachen“ und effizienten Einstieg ins Berufsleben. Ein Herzensweg war das nicht, aber damals hätte ich mir auch noch lange nicht vorstellen können, was das überhaupt bedeutet. Nach einer langen Weltreise 2011/2012, die schon allein sehr viel Lebensverwandlung mit sich brachte, passierte noch ein weiteres Ereignis, das mein Leben sehr neu ordnen sollte: Eine meiner liebsten Freundinnen verstarb bei einem Verkehrsunfall.
Ich wollte nicht länger warten und startete wenige Monate danach die Ausbildung zur Yogalehrerin – der Start meines ganz bewusst gewählten Berufswegs des Herzens. 2014 wurde ich Mama – das brachte noch mehr Herz und auch Kraft in mein Leben! Dieses Jahr lasse ich mich zur KiTa-Freilernbegleiterin ausbilden.

Wieviele Kinder hast du und wie lebt ihr momentan?
Ich habe eine 4-jährige Tochter und außerdem lebt auch noch eine ca. 10-jährige Hündin bei uns. Wir leben momentan kindergartenfrei, ökologisch bewusst, in größtmöglichem friedvollem Umgang miteinander und irgendwie auch „einfach wild“. 😀

Ich lese immer wieder staunend von kindergartenfreien Familien. Da unsere kompletten Herkunftsfamilien mindestens 300 Kilometer weit weg wohnen, sind wir auf den Kindergarten hier angewiesen und sehr dankbar für die zum Glück gute Betreuung dort. Du arbeitest ja auch. Kannst du uns erzählen, wie ihr euch organisiert? 
Ja, ich arbeite und betreue mein Kind trotzdem. Ich gebe an zwei Abenden pro Woche Yogakurse. In dieser Zeit ist mein Mann zuhause und übernimmt die Betreuung. Genauso springen er, oder auch mal mein Schwiegervater ein, wenn ich am Aufbau des Kindergartens arbeite.

Was ist dir wichtig?
Ich möchte Frieden leben. Das berücksichtige ich, wenn ich entscheide, wofür ich mein Geld ausgebe, wie ich Beziehungen mit meinen großen und kleinen Mitmenschen gestalte, bei der Auswahl meines Essens, in Bezug auf meine Yogastunden oder eben das Kindergarten-Projekt. Frieden beginnt bei jedem Einzelnen von uns und es freut mich, dass er in jedem Lebensbereich auffindbar ist.

Wie bist du auf die Idee gekommen, einen bedürfnisorientierten Kindergarten zu gründen?
Meine Tochter wurde letztes Jahr bis in den Sommer hinein in der Ladenburger Spielgruppe „Pfiffikus“ im Waldpark betreut. Der Träger dieser Gruppe (PFiFF e.V.) suchte einen neuen Vorstand; und ehe ich mich versah, war ich Teil dieses kleinen, feinen Vereins.
So bekam ich mit, dass eines der bestehenden Gebäude im Ladenburger Waldpark bald frei werden würde, und man fragte mich, ob ich eine Idee hätte, was man damit machen könne. Im September 2017 brachte ich die Idee eines Kindergartens auf den Tisch. Im Oktober landete die Idee dann bei Herrn Schmutz, dem Bürgermeister, und im Februar 2018 wurde mir, nach der Sichtung meines Ideenkatalogs, mitgeteilt, dass die Stadt Ladenburg mich bei meiner Umsetzung sehr gern unterstützen möchte – mit den Worten von Herrn Schmutz: „Sie treffen mit Ihren Ideen genau den Nerv der Zeit!“

Einerseits passt die KiGa-Gründung sowieso zur momentanen Situation in Ladenburg mit zwei Neubaugebieten und entsprechend wachsendem Bedarf an Betreuungsplätzen, andererseits passt die Idee auch einfach zum Verein, der damit sein Angebot vergrößert. Für mich persönlich ist der Kindergarten außerdem die Chance, bedürfnis- und beziehungsorientierten Umgang „öffentlich“, und nicht mehr nur auf privater Ebene, leben zu können.

Du hast geschrieben, es fühlt sich einfach passend an. Kannst du das etwas näher beschreiben?
Ja, passend einerseits, wie oben erwähnt, weil es sowohl zur Stadt(-planung), zum Verein, und eben sogar noch zu mir persönlich passt. Dazu kommt aber auch noch, dass auf gesellschaftlicher Ebene gerade so unglaublich viel Veränderung und Bewusstwerdung stattfindet. Es wird so viel hinterfragt! Recherchieren war noch nie so leicht wie heute. Dinge werden anders bzw. bewusster gemacht, Sätze wie „Das haben wir immer schon so gemacht!“ gibt es zwar noch, aber gefühlt immer weniger.
Und genau das passt auch zu meiner Kindergarten-Idee. Denn wenn wir schon in solch einer Zeit des Wandels leben, in der Eltern sich zwar bestimmten Dingen bewusster sind als zuvor, aber trotzdem noch den ganzen Tag arbeiten gehen (müssen), dann dürfen doch deren Kinder trotzdem schon mit einer sehr reflektierten, fried- und würdevollen Haltung „fremd“betreut werden, oder?

Absolut. Warum haben die herkömmlichen Kindergärten in eurer Gegend für euch nicht gepasst?
Da gab es sehr unterschiedliche Gründe. Der Größte davon war ganz einfach der, dass ich mich fragte „brauche ich bzw. meine Tochter das WIRKLICH?“ Bevor die Kindergartenzeit im September 2017 hätte starten können, hatten wir ja die ganzen Sommerferien gemeinsam verbracht. Und das war einerseits etwas anstrengend (wer hätt’s gedacht!), andererseits aber auch total schön!
Während der Ferien durften wir in einen Kindergarten hineinschnuppern. Dort erlebten wir die (zumindest für diesen KiGa, aber sicher ist das kein Einzelfall) „normale“ Realität des Umgangs mit Kindern in öffentlichen Einrichtungen.

Kannst du das etwas genauer erläutern?
Auslöser war ein Gerangel unter zwei Jungs, bei dem der eine dem anderen einen Baustein an den Kopf gehauen hatte. Der, der geschlagen hatte, wurde von der Erzieherin angebrüllt und begann zu weinen.
Er wurde, immer noch sehr laut, dazu aufgefordert, sich zu entschuldigen. Unter heftigem Schluchzen wiederholte er mehrfach, dass er das bereits getan hatte – die Erzieherin jedoch bestand darauf, dass er das so sagt, dass sie ihn auch dabei hört.

Sie brüllte ihn immer weiter an und bekam ihre eigene Wut in keiner Weise unter Kontrolle, bis sie schließlich entschied, dass der Junge (!!) jetzt eine Auszeit brauche, da er sich ja offentsichtlich nicht beruhigen konnte (genauso wenig wie sie, aber sie “darf” ja ihre Macht leider ausnutzen).
Der Junge wurde aus dem Zimmer geführt und musste sich bei der KiGa-Chefin ins Büro setzen. Es herrschte beinah Totenstille. Als der Streit begonnen hatte, war ich gerade dabei gewesen, einem kleinen Kreis von Kindern, mit denen ich auf dem Boden saß, ein Buch vorzulesen. Als der Junge mit der Erzieherin aus dem Zimmer verschwunden war, schauten mich die Kinder in “meinem” Kreis mit großen Augen an. Auch meine Augen sprachen wahrscheinlich Bände. Ich fragte eine Mädchen: “Ist das hier öfter so?” – sie antwortete “Ja, deswegen weinen wir hier nicht.” …

Ich begann, das Buch weiter zu lesen und der Lautstärkepegel erhöhte sich wieder. Nach geschätzten 15 Minuten durfte der Junge zurück ins Spielzimmer und wurde besäuselt von der Erzieherin, die ihn vorher so zusammengestaucht hatte. Sie las ihm ein Buch vor und tat, als ob zuvor nichts Schlimmes geschehen war.
Kein Wort über Gefühle, kein klärendes Gespräch, keine Entschuldigung für ihren eigenen Wutausbruch. Später ging ich mit der KiGa-Leitung ins Gespräch, doch auch sie fand das alles völlig normal und richtig. Diese zwei Schnupper-Stunden (die übrigens zwar so genannt wurden, jedoch waren sie Teil 1 der Eingewöhnung, die in diesen KiGa insgesamt 4 Stunden und nicht länger dauern darf..!) waren wie das Eintauchen in eine fremde Welt für mich.
Kinder sind dort Objekte und sie sind nach den Vorstellungen der Erwachsenen zu formen. Dies geschieht durch die Anwendung von Gewalt und wird in keiner Weise hinterfragt. Zudem wird diese Haltung auch noch von einem kirchlichen Träger gestützt, der sich Mitgefühl ganz groß auf die Fahne schreibt. Für mich passt das einfach nicht zusammen.

Das klingt tatsächlich nach sehr konservativen Umständen, die ich so zum Glück selber noch nicht erlebt habe in den Kindergärten in denen wir waren. Was hat dieses Erlebnis mit dir gemacht?
Die Welt der Kinder in dieser Gruppe, und auch meine, stand in diesem einen, sehr gewaltvollen Moment, still. Dass meine Tochter diesen Kindergarten regelmäßig besuchen würde, war für mich seitdem nur noch sehr schwer vorstellbar, aber ich wollte ihr trotzdem die Chance lassen, ihren Platz dort zu finden. Am ersten Tag nach den Sommerferien wurde ihr diese Chance tatsächlich vom Kindergarten selbst wieder genommen. Es wurde ihr trotz entsprechender Vorbereitung der Erzieher keinerlei Eingewöhnungszeit zugestanden. Das sei normal dort und deshalb könne man keine Ausnahme machen. Und das ließ uns dann gemeinsam ganz schnell das Weite suchen.


Die Schnupper-Besuche von zwei weiteren Kindergärten waren zwar erfreulicher, jedoch war bis dahin schon so viel schöne KiGa-freie Zeit vergangen, dass ich die Fremdbetreuung einfach auch nicht mehr als notwendig erachtete. Meine Tochter und ich fühlten uns damals und auch heute noch wohl in unserem kleinen Netzwerk aus ebenfalls KiGa-freien Kindern, „alten“ Pfiffikus-Freunden und auch einzelnen Erwachsenen ohne Kinder, die uns unterstützen.

Du wohnst wie ich an der Bergstraße. Hier sind die Städte etwas kleiner, das Umfeld etwas ländlicher.  Die Großstädte Heidelberg, Mannheim oder Darmstadt im Norden sind aber greifbar. Wie erlebst du Elternschaft hier?
Als meine Tochter 2014 zur Welt kam, war ich so ziemlich die einzige Mami in Ladenburg, die ihr Kind trug. Wenn man heute schaut, gehört das Tragen von Babies und Kleinkindern dazu – ich sehe mindestens ein oder zwei Kinder pro Spaziergang mit meinem Hund, die getragen werden. Das freut mich so sehr! Genau daran kann man zum Beispiel die langsame, aber stetige Veränderung erkennen. Sie beginnt klein, und immer geht sie von Einzelpersonen aus.
Im Kontakt mit Eltern, die ihre Kinder in Kindergärten geben, merke ich ebenfalls, dass sie beim Erfahren kritischer Situationen aus den Kindergärten ungläubig den Kopf schütteln und sich fragen, wie das denn sein kann.

Selbst wenn das Thema dann lösungssuchend im KiGa angesprochen wird, ändert sich leider oftmals von KiGa-Seite nur wenig oder gar nichts. Zu sehr aus dem Fenster lehnen wollen sich die Eltern dann ja doch wieder nicht, da sie ja über den Betreuungsplatz für ihr Kind auch froh sind (und sie somit ihrer Arbeit nachgehen können). Da schwingt momentan noch oft zu viel Hilflosigkeit oder das Gefühl des Ausgeliefert-Seins mit.

Der Bürgermeister hat deine Idee sehr gelobt und unterstützt euch. Kannst du beschreiben, welche Hürden ihr jetzt trotzdem zu meistern habt?
Es kamen gerade jetzt, im März, sowohl die KiGa-genehmigende Behörde KVJS als auch das Jugendamt zu einer ersten Besichtigung in den Waldpark… “Alles im Dornröschenschlaf hier“, “Da muss ganz schön viel gemacht werden“ und “Das muss ich erstmal intern prüfen – soweit ich weiß, gibt es in ganz Baden-Württemberg keinen an einen Park angeschlossenen Kindergarten!“ waren einige der Aussagen des sympathischen Zweier-Teams und sie trafen damit den Nagel auf den Kopf. Eigentlich waren sie sehr angetan… aber wie meine Ideen gesetzlich umsetzbar werden, das müssen wir erst alle gemeinsam herausfinden.

Ab wann wollt ihr starten?
Es wäre fantastisch und der Wunsch sehr vieler (wenn nicht aller?) Beteiligten, wenn wir im September 2018, also zu Beginn des neuen Kindergartenjahres, starten könnten.

Wow. Das ist ein sehr knackiger Plan. Du sagst, ihr sucht Erzieherinnen für euren zukünftigen Kindergarten. Was ist euch wichtig und wo können sich potentielle Interessentinnen melden?
Ja, ich bin momentan mittendrin in der Suche nach Fachkräften zur Begleitung der Kinder. Seit ich vor wenigen Wochen damit begann, staune ich immer wieder, da sich so viele Interessenten melde(te)n. Ich habe noch keine Auswahl getroffen und möchte gern alle Erzieher/innen, für die bedürfnis-, bindungs- und beziehungsorientierter Umgang keine Fremdwörter sind, die gerne naturnah arbeiten und einen Sinn für Nachhaltigkeit sowohl haben und diesen auch leben möchten, dazu ermutigen, sich bei mir zu melden.

Anmerkung von Sonja: Wenn Ihr Interesse haben solltet, meldet euch einfach über das Mailformular hier im Blog. Ich leite eure Kontakte gern an Lisa weiter.

Was möchtest du uns noch mit auf den Weg geben?
Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir für diese Welt wünschst.

Liebe Lisa, vielen lieben Dank, dass du dir Zeit genommen hast. Ich wünsche euch alles Gute für eure Zukunft. Sowohl für deine Familie, als auch für euren Kindergarten. Vielleicht magst du uns ja nochmal berichten, wenn ihr mit eurem Kindergarten gestartet seid?!

Dieses Interview ist Teil meiner neuen Reihe: “Mama macht das jetzt.” Hast du auch ein Projekt von oder für Eltern gestartet und magst darüber berichten? Dann melde dich gern bei mir. Ich freue mich von euch zu hören.
Love, eure Sonja <3

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