Interview: “Dann gründen wir die Schule doch einfach selber!”

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Heike, Sophia und Claudia wohnen in einer richtig kleinen Bullerbü-Idylle im Odenwald. Ich fahre über Hügel und Täler, an Wiesen, Feldern und Wald vorbei, als ich zu unserem Treffpunkt, einem kleinen Spielplatz direkt an einem Bachlauf unterwegs bin.

Später rennen unsere Kinder in Unterhosen durch Büsche, werfen Steinchen von einer kleinen Holzbrücke und begutachten mit fachmännischem Blick den Staudamm im Bach. Die Großen haben selbstverständlich die Kleinen im Blick, alle wurschteln selbstvergessen vor sich hin und kommen nur zum Futtern mal bei uns Müttern vorbei.

Heike kenne ich bereits seit ein paar Jahren, denn unsere beiden Töchter sind seit ihrer Zeit in der selben Waldorfkrippe Freundinnen. Während dieser Zeit erzählte mir Heike immer wieder von den inspirierenden Treffen mit ein paar Menschen, die eine Schule gründen wollen. Diesen Sommer startet nun schon die zweite Lerngruppe der Freien Schule Laubenhöhe. Höchste Zeit, sich mal zusammen setzen und die Schulgründerinnen hier zu Wort kommen zu lassen.

Mögt ihr euch mal kurz vorstellen? Also wer gehört zu den GründerInnen, was macht ihr  und wie viele Kinder habt ihr so?

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So sehen glückliche Schulgründerinnen aus. Von links nach rechts: Sophia, Heike und Claudia. Quelle: privat

Sophia: Unser Vorstand besteht aus drei Müttern. Claudia lässt sich entschuldigen. Sie und ihr Mann sind selbstständig und haben außerdem noch vier Kinder zwischen einem dreiviertel Jahr und 14 Jahren. Ich, Sophia, bin gelernte Krankenschwester und habe mich entschieden zuhause bei den Kindern zu bleiben. Ich bin auch verheiratet, habe zwei Kinder im Alter von vier und sieben Jahren.

Heike: Und ich bin SAP-Projektmanagerin, arbeite Teilzeit, bin ebenfalls verheiratet und habe eine vierjährige Tochter.

Auf die Idee, eine Schule zu gründen, kommt man ja sicher nicht von heute auf morgen. Wie ist diese Idee geboren und gewachsen? 

Sophia: Ja das hat sich so nach und nach entwickelt. Als wir vor ein paar Jahren hier her gezogen sind, dachten wir noch, dass es in diesem kleinen Örtchen vielleicht schwierig werden könnte, Menschen kennenzulernen, die mit uns auf einer Wellenlänge sind. Doch beim Spazieren traf ich auf Claudia, die mit ihrem Tragetuch unterwegs war. Wir kamen schnell ins Gespräch und spürten sofort eine große Sympathie und ein gegenseitiges Verständnis. Also begannen wir, uns immer öfter mit den Kindern zu treffen und sprachen schnell auch viel über pädagogische Konzepte.

Ihr habt eure Kinder dann auch bis zur Schule zuhause betreut und kindergartenfrei gelebt, richtig?

Sophia: Ja richtig. Auch das hat sich recht schnell entwickelt. Und aus dieser Gruppe heraus ist dann die Idee erwachsen, eventuell über eine Schulgründung nachzudenken. Denn spätestens zur Einschulung wäre Schluss gewesen mit dieser Idylle. Mit den Regelschulen vor Ort und den Lernansätzen dort konnten wir uns nicht so richtig anfreunden. Und da es hier in der Gegend keine andere Schule gibt, hätten wir die Kinder entweder nach Darmstadt oder nach Heidelberg oder Mannheim fahren müssen. Dort sind die nächsten Waldorfschulen. (Anmerkung Sonja: Das hieße ungefähr eine Stunde Fahrt für die einfache Strecke.) Also haben wir einfach mal einen Aushang gemacht und interessierte Menschen eingeladen. Fahren oder selber gründen – das war hier die Frage.

Und da kamst du dazu Heike?

Heike: Ja und ich war total überrascht, wie offen in dieser Gruppe über Pädagogik diskutiert wurde. Das war mitunter auch anstrengend, aber es gab überhaupt keine Schranken. Alles wurde auf den Prüfstand gestellt. Waldorfpädagogik wurde genauso hinterfragt wie Montessori. Nichts war gesetzt. Das hat mir richtig gut gefallen.

Sophia: Später sind wir dann doch auf die Waldorfpädagogik zurückgekommen und haben aber überlegt, wie wir die Ansätze auf die heutige Zeit übertragen können. Da sind wir auch heute noch viel mit Lehrern in Gesprächen, die ihre Erfahrungen aus anderen Schulen mit einbringen und mit uns gemeinsam Ideen entwickeln, wie wir Waldorfinhalte modern umsetzen können.

Heike: Allein über das Wort modern kann man schon total kontrovers diskutieren. Denn jeder versteht unter moderner Waldorfpädagogik schon wieder etwas anderes. Die einen sagen Medienkompetenz, also Umgang mit Computern gehört dazu. Für andere geht es eher darum, wie wir mit den Kindern in Kommunikation kommen. Das ist ein wahnsinnig weites Feld, das sich ständig weiter entwickelt, auch im Austausch mit Eltern, die ihre Kinder nun bei uns in der Schule haben.

Ihr habt alle selber sehr unterschiedliche Schulerfahrungen hinter euch. Profitiert ihr davon oder macht es das schwerer? 

Heike: Das macht es doch gerade erst so interessant und offen. Ich bin in der DDR aufgewachsen. Das kannst du mit den Schulen hier nur schwer vergleichen. Wir hatten Fächer wie Werkuntericht oder Handarbeit und haben einen Schulgarten gepflegt. Außerdem bin ich erst nach der sechsten Klasse auf di weiterführende Schule gewechselt. Als die Wende kam, war ich gerade in der 4. bzw Anfang der fünften Klasse und da wurde das Gymnasium gerade erst nach dem westlichen Modell aufgebaut.  Allerdings muss ich auch sagen, dass ich noch recht jung war, als die Wende kam und die unangenehmen Fächer wie Staatsbürgerkunde nur aus Erzählungen meines Bruders miterlebt habe.

Sophia: Ich bin von klein auf eine Waldorfschule gegangen. Warum die Lehrer aber dieses oder jenes anders gemacht haben, das haben sie uns Schülern nicht erklärt. Und das hab ich als Kind auch nie hinterfragt. Und Claudia war auf einer Regelschule.

Warum kamen die Regelschulen hier für euch nicht in Frage?

Sophia: Ich glaube jede Schule hat ihre Berechtigung. Nur für uns hätte das nicht gepasst. Ich fand die Art, wie die Grundschüler hier lernen recht fantasielos. Eine Drittklässlerin, auf die ich aufgepasst hatte, hat bei mir öfter ihre Hausaufgaben gemacht. Das waren lieblose Schwarzweiß-Kopien, auf denen dann Tiere und ausgemalt werden sollten und ich dachte, dass kann man doch echt schöner machen.

Was macht ihr anders?

Sophia: Uns ist es wichtig nach den Grundsätzen der Handlungspädagogik zu unterrichten. Das heisst, die Kinder lernen die Natur kennen, indem sie in der Natur sind. Sie lernen den Dreisatz, wenn sie selber einen Hühnerstall bauen und dann die Statik berechnen. Sie lernen Buchstaben, indem sie zunächst ähnliche Formen in der Natur suche. Also zum Beispiel Ostereier, um den Buchstaben O zu lernen.
Heike: Genau. Handlungspädagogik und intuitives Lernen sind unsere großen Themen. Intuitive Pädagogik wiederum bedeutet, dass auch wir Erwachsenen wieder im Spiel und mit Begeisterung lernen. Pär Ahlbom, der Begründer der Intuitiven Pädagogik beschreibt das so: „Wir wollten die Intuition durch praktische Übungen wachrufen; Freude und die Bereitschaft, spielerisch mit den eigenen Grenzen und Blockaden umzugehen, gehören dazu. Dieser Ansatz kann die Fähigkeit stärken, auch schwierigen Situationen mit authentischer Lebendigkeit zu begegnen.“
Und das möchten wir unseren Kindern vorleben. Die Waldorfpädagogik bildet dann wiederum unsere Basis. Das heißt ganz praktisch auch, das unsere Kinder viel draußen sind, dass wir einen Garten anlegen und Tiere wie Bienen und Hühner anschaffen wollen. Außerdem lernen die Kinder in altersübergreifenden Lerngruppen.

So wie das früher in Zwergenschulen üblich war? 

Heike: Ja genau. Die Kinder haben einen festen Klassenlehrer, der sie die gesamte Zeit begleitet. Und wir haben zusätzlich einen Lehrer, der sich um einzelne Kinder in Projekten kümmern kann. Dieser kann sich mit extra Aufgaben an die schnelleren Schüler wenden oder mit anderen Schülern nochmal Dinge nachbereiten, die noch vertieft werden müssen. So können die Kinder viel intensiver gefördert werden.

Momentan führt ihr ja Einschulungsgespräche. Wie ist der Zuspruch und welche Pläne habt ihr für die nahe Zukunft? 

Sophia: Oh ziemlich gut. Wir gehen davon aus, dass wir in den nächsten Jahren beständig wachsen werden. Unser Standort ist auch einfach ziemlich gut. Gerade führen wir die Gespräche für das Jahr 2018/ 2019 und wir haben noch viel Organisatorisches auf dem Programm.
Heike: Genau. Momentan sind wir mit unserer Klasse ja in der benachbarten Weschnitztalschule untergebracht. Demnächst sollen dann erstmal ein Container auf unser Grundstück kommen und dort unsere Jurte verstärken, bis wir die Baugenehmigung für unser Schulgebäude endlich durch haben. Daran arbeiten wir gerade mit Hochdruck.
Sophia: Auch unser Garten und unsere Bienen sollen jetzt ganz bald kommen. Das ist uns ziemlich wichtig. Und wir haben natürlich noch viel Öffentlichkeitsarbeit zu tun. Wo sind unsere Zielgruppen und wie sprechen wir die am besten an. Das sind so Fragen, die uns nebenbei auch noch beschäftigen.

Mal eine ganz praktische Frage. Wie organisiert ihr das alles neben Arbeit, Kindern und all dem Drumherum? 

Sophia: Oh wir sind eigentlich fast rund um die Uhr im Austausch miteinander. Wir telefonieren täglich und sprechen uns nebenbei auch viel über Whatsapp ab.
Heike (lacht): Da kannste mal sehen, selbst WhatsApp und Waldorf widersprechen sich heute nicht mehr unbedingt. 🙂
Sophia: Genau. Da sind wir gar nicht so. Ansonsten teilen wir uns die Aufgaben recht individuell auf. Wer gerade mehr Zeit hat oder wer von einer Sache halt mehr Ahnung hat. Das funktioniert erstaunlich gut.
Heike: Oh ja. Das klappt echt toll. Trotz vollen Terminkalendern. Einmal in der Woche treffen wir uns momentan aber auch zur regulären Vorstandssitzung.

Wow. Da gehört echt jede Menge Herzblut dazu. Was möchtet ihr anderen Eltern gerne noch mit auf den Weg geben?

Sophia: Puh. Das ist schwierig. Vielleicht, dass sich niemand angegriffen fühlen sollte, nur weil jemand etwas anders macht als ihr. Macht als Eltern einfach euer Ding und respektiert auch, wenn andere Eltern andere Wege gehen. Das dürfen die. Genau wie ihr.

Heike: Ja. Sucht lieber das Gespräch und tauscht euch aus. Vielleicht begegnet ihr ja Menschen, mit denen ihr euch offen austauschen könnt und es kommt zu Gesprächen, die für beide Seiten bereichernd sein können.

Ihr beiden, das war ein wirklich spannendes Gespräch. Vielen lieben Dank, dass ihr euch die Zeit dafür genommen habt. Ich wünsche euch alles Gute für die kommenden Jahre mit der Schule und freue mich, eure Geschichte weiterzuverfolgen.

Solltet ihr euch für die Freie Schule Laubenhöhe in Mörlenbach interessieren, kann ich euch die Website wärmstens ans Herz legen. Das Konzept ist hier toll erklärt. Und ansonsten kann ich euch nur empfehlen, schaut einfach rein und sprecht mit den GründerInnen. Es lohnt sich.

Am 9. Juni 2018 feiert die Schule außerdem ein großes Eröffnungsfest mit dem Tag der offenen Jurte. Hier dürfen die Kinder wieder Traktor fahren, es gibt ein Mitmachtheater, hübsche Handarbeiten zu kaufen und natürlich jede Menge Gelegenheiten bei Kaffee und Kuchen einen Blick in diese etwas andere Schule zu werfen.

Dieses Interview ist Teil  meiner Reihe “Mama macht das jetzt”. Hier findet ihr weitere Interviews mit Müttern, die etwas anpacken. Solltet ihr auch eine interessante Geschichte zu erzählen haben, meldet euch gerne über mein Kontaktformular.

Ich freue mich auf euch. Love, eure Sonja <3

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