Mit Kindern übers Sterben sprechen – Wenn Opa unheilbar krank ist

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Photo by Christian Holzinger on Unsplash

Ihr Lieben,

vor manchen Dingen würden wir unsere Kinder gern beschützen, so am liebsten bis sie 30 oder 40 werden und noch länger. Hab ich recht? Der Tod ist auch so eine Sache, die ich gern noch etwas außen vor gelassen hätte. Aber ach, da platzt er in unser Leben – mal wieder – egoistisch und unerbittlich und nimmt unseren Kindern den Opa (ja den anderen, nicht den aus Irland) und irgendwie erlöst er ihn aber auch von schlimmen Schmerzen. Und dann ist da eine Lücke. Eine große. Und ein Schmerz im Herzen. Und dann? Ja dann hilft es, wenn man nicht allein ist.

Was machen wir also, wenn ein geliebter Mensch stirbt? Sollten wir offen mit den Kindern über das Sterben sprechen? Oder sollten wir sie beschützen? Aber wenn, wie können wir das überhaupt? Ich möchte euch heute von unseren Erfahrungen und unserem Umgang mit dem Tod erzählen.

Wenn es nicht mehr besser werden kann, was dann?

Es gibt diesen Moment bei ernsten Erkrankungen. Ein Einschnitt, eine Zäsur. Ab diesem Moment gibt es ein Vorher und ein Nachher. Vorher da war noch Hoffnung. Das war die Zeit fürs Kämpfen. Fürs Zähne zusammen beißen, fürs Motivieren und Durchhalten. Und dann plötzlich heißt es “Änderung der Fahrtrichtung”. Es geht nicht mehr darum, die Krankheit zu besiegen. Es geht nicht mehr um ein Zurückdrängen für Jahre. Es geht ums Begleiten.

Die Mediziner nennen das die Änderung des Therapieziels. Ab jetzt wird palliativ begleitet. Die Tage sind endlich. Spürbar. Und sie sollen so angenehm wie möglich gemacht werden. Es geht darum Schmerzen zu bekämpfen, es geht ums Abschied nehmen.

Das alles ist schon für uns Erwachsene schmerzhaft. Ich war in dieser Phase labil, nah am Wasser gebaut, empfindlich, gereizt und ungerecht meinen Kindern gegenüber. Und ich bin nicht mal diejenige, die selber zuhause gepflegt hat. Ich habe aus der Ferne beobachtet, geweint und gebangt.

Und nachdem die Kleine sich einen deftigen Anschiss für eine unbedeutende Kleinigkeit abgeholt hatte, beschloss ich kurzerhand die Kinder einzuweihen. Wir setzten uns auf den Boden, nahmen das Bild des Opas in die Hand und sprachen über seine Krankheit, die den Kindern natürlich nicht entgangen war. Sie hatten im letzten Jahre Haare ausfallen sehen und auch erlebt, dass Opa immer schwächer wurde. Nun war es also Zeit für die ganze Wahrheit.

Aber was sage ich meinem Kind, wenn “das wird schon wieder” nicht mehr stimmt?

Nun ich erzähle das, was ich wirklich weiß. Natürlich in kindgerechter Umsetzung. Ich habe also erzählt, dass der Opa dieses Mal wohl nicht mehr gesund werden wird. Das er ganz viele Schmerzen hat. Und das er wohl bald sterben wird. Und dann haben wir darüber gerätselt, was nach dem Sterben wohl kommen mag.

Ob der Opa dann im Himmel wohnt? Vielleicht. Vielleicht wird er ein Stern und passt dann immer auf uns auf. Vielleicht wird er auch ein Schutzengel. Oder er geht in einen wunderschönen Garten, wo er wieder jung sein kann. Oder er trifft auf alle seine Freunde, die schon gestorben sind und trifft sich mit denen zum Kaffeeklatsch. Das wäre doch sehr schön. Ich habe mir diese Herangehensweise nicht selber ausgedacht, sondern sie aus dem Buch “Wo gehst du hin, Opa?”” abgeguckt. Das kann ich euch wirklich nur ans Herz legen.

Ich habe es mit den Kindern in dieser Phase ganz oft gelesen. Ich finde diese Herangehensweise nämlich ziemlich schön, weil sie ohne feste Glaubenssätze auskommt. Wer von uns weiß schon, was nach dem Tod wirklich kommt? Also ich jedenfalls nicht und ich bin auch nicht so fest in einem Glauben verankert, das ich da ein genaues Bild hätte.

Ich glaube aber daran, dass die Seele weiterlebt. Also habe ich das auch meinen Kindern erzählt. Ebenso wichtig war es mir, dass meine Kinder selber sehen und erleben können, wie krank der Opa wirklich ist. Und hier scheiden sich natürlich auch die Geister.  Muss ich meinem Kind das zumuten?

Ein letztes Mal miteinander sprechen

Ich weiß, dass jeder Mensch anders mit dem Sterben umgeht. Und ich weiß auch, dass viele Angst davor haben, Sterbende zu besuchen oder zu begleiten. Ich kann das aus meiner eigenen Erfahrung heraus aber nur empfehlen. Denn ihr nehmt euch die Gelegenheit, persönlich Abschied zu nehmen, wenn ihr vor dieser Begegnung zu viel Angst habt.

Natürlich ist es nicht einfach, zu sehen, wie geliebte Menschen im Bett liegen und nur noch ein Schatten ihrer selbst sind. Aber sie leben doch noch. Und sie spüren, hören und verstehen, wer bei ihnen ist. Für mich ist es auch eine Frage des Respekts und ein Zeichen der Liebe, für diese Menschen auch in diesen letzten Tagen da zu sein. Und für die pflegenden Angehörigen natürlich auch.

Von Kindern lernen

Kinder gehen mit ihrer eigenen unbelasteten Unbefangenheit durchs Leben und begegnen so auch Kranken oder Sterbenden. Und daher möchte ich euch von den Reaktionen meiner Kinder erzählen. Meine Kleine ist gerade zwei. Ihr war das Krankenbett unheimlich und sie wollte lieber mit Papa auf die Terrasse. Also ist Papa mit ihr rausgegangen. Meine Große (4) aber, war wie immer sehr unbekümmert. Sie setzte sich mit der Oma ans Bett, wollte beim Medizin geben helfen und fragte den Opa, was er denn nun werden wolle, wenn er sterbe.

Und der Opa versprach ihr, ein Stern zu werden.

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Photo by Eidy Bambang-Sunaryo on Unsplash

Wenn ich das hier aufschreibe, habe ich schon wieder Tränen in den Augen. Ich bin so dankbar für dieses Versprechen. So klein sich das für manchen Erwachsenen anhören mag, so groß und wertvoll ist es für meine Tochter. Wir lagen ein wenig später dann draußen in Opas Garten im Gras, diese verrückte warme Oktobersonne auf der Haut und schauten in den Himmel und sprachen ganz ernsthaft über das Leben und den Tod.

Und dieses Gespräch werde ich wohl mein ganzes Leben nicht mehr vergessen. Es gehört zu den wertvollsten Erfahrungen, die ich bisher als Mama machen durfte.

Ein Recht auf Traurigkeit

Meine Große machte sich auch gleich Gedanken um die Oma und versprach dieser, dass wir uns sofort auf den Weg zu ihr machen, wenn sie “ein bisschen Liebe brauche”. Ist das nicht wunderbar? Mal wieder stehe ich verblüfft da und bestaune voller Stolz mein Kind.

Als wir später am Abend wieder nachhause fuhren, sprachen wir alle vier im Auto nochmal über diesen schweren, besonderen Tag. Beide Kinder erzählten, wie traurig sie darüber sind, dass der Opa sterben muss. Und wir Eltern stimmten dem zu. Wir alle sind traurig, aber diese Situation haben wir nicht in der Hand. Wir können es nicht ändern, wir können nur versuchen, damit umzugehen.

Wenn der Anruf kommt

Wir, die wir nicht rund um die Uhr die Pflege stemmen, kehrten dann so gut es geht in unseren Alltag zurück. Denn auch auf den haben die Kinder ein Recht. Und trotzdem blieb natürlich immer die Sorge, die Anspannung, das Horchen auf ein Zeichen aus der Heimat.

Und ein paar Tage später war es dann soweit. Der besagte Anruf kam. Wie immer auf der Arbeit. Also ab nachhause und mit den Kindern sprechen. Und natürlich haben wir auch hier geweint. Aber eben nicht untröstlich. Denn den besten Trost hatte der Opa ja schon selber gegeben. Abends warteten wir also auf den Sonnenuntergang, gingen raus auf die Terrasse und suchten am Himmel nach Opas Stern. Die Kinder winkten und warfen Küsschen in den Himmel und riefen ihm zu, wie sehr sie ihn vermissten.

Mit dem Verlust umgehen

Und so haben wir nun Strategien, wie wir mit unserer Trauer umgehen können. Die Kinder ebenso wie wir Eltern. Wir sehen an den Himmel und sprechen mit Opa, wir schließen die Augen, legen uns die Hände auf die Brust und spüren ihn ganz nah bei uns. Und wir weinen, wenn wir traurig sind.

Diese Gefühle sind alle da und sie haben ein Recht darauf, gefühlt zu werden. Wir sind traurig und wir fühlen uns ohnmächtig und doch sind wir auch froh und dankbar, geliebt zu werden und diese traurige Zeit gemeinsam durchstehen zu dürfen. Wie schlimm das ohne Familienzusammenhalt sein muss, kann ich nur erahnen.

Und nun fehlt nur noch die “Abschiedsparty” für den Opa. Und auch da nehmen wir die Kinder natürlich mit. Denn sie haben ihren Platz in unserer Mitte. Sie sind Teil unseres Lebens, wie eben auch der Tod. Und bei aller Trauer und allem Schrecken bietet das Ende des Lebens eben auch ganz viele Gelegenheiten wertvolle Erfahrungen zu machen.

Und wie geht ihr mit dem Tod um? Sprecht ihr mit euren Kindern? Und wie ist mit euch in der Kindheit gesprochen worden? Hat euch das geholfen oder eher nicht? Drückt alle ganz fest eure Lieben!

Love, eure Sonja <3

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8 thoughts on “Mit Kindern übers Sterben sprechen – Wenn Opa unheilbar krank ist

  1. Das hast Du gut gemacht! Als ehemalige Bestatterin weiß ich, wie wichtig es ist, Kinder mit einzubeziehen in den Sterbeprozess und sie in ihrer Trauer ernst zu nehmen. Kinder trauern anders: je nach Alter ist der Tod für sie noch sehr abstrakt. Und sie machen uns vor, dass unser Leben weitergeht; sie trauen sich intuitiv zu lachen, zu spielen und, ja, einfach zu leben.
    Wenn wir unsere Kinder und Enkelkinder “beschützen” wollen dann führt kein Weg an einer offenen Kommunikation über das Sterben vorbei. Das macht unsere Kinder stark, denn der Tod gehört nun mal zum Leben.
    Auf meinem Blog finden sich daher auch immer mal wieder Trauer- und Abschiedsgeschichten. Vielleicht magst Du mal stöbern, ich würde mich freuen, einen kleinen Schritt auf eurem Trauerweg mitzugehen.
    Mit herzlichem Gruß, Oma, die Schreibtante

    1. Oh vielen lieben Dank für deinen wertvollen Kommentar! Das bedeutet mir sehr viel. Ich habe auch das Gefühl, dass ich in diesem letzten Jahr vom Sterben ganz schön viel übers Leben gelernt habe. <3 Ich schaue auf jeden Fall bei dir rein! Herzliche Grüße, Sonja

  2. Ich finde es auch ganz wichtig, über den Tod als natürlichen Teil des Lebens zu sprechen und die Kinder miteinzubeziehen!
    Vor was soll man sie denn beschützen? Tod und Trauer werden auch Kinder früher oder später mal erfahren, sie bis dahin „abzuschirmen“ und so tun, als wäre nichts passiert, ist sicherlich nicht förderlich. Denn wie du schreibst, auch Gefühle wie Trauer, Angst, Verzweiflung… haben das Recht da zu sein und rausgelassen zu werden. Und aus eigener Erfahrung merke ich, dass Kinder gar kein so großes Problem mit dem Tod haben wie Erwachsene – sie gehen viel ungezwungener damit um.

    Alles Liebe cao

  3. Liebe Sonja! Da habt ihr ja eine sehr anstrengende emotionale Zeit hinter euch! Ich habe gerade beim Lesen mit geweint und mitgefühlt… ich finde das ganz großartig wir das als Eltern macht das ihr so offen damit umgeht! Jedes Gefühl hat eine Berechtigung da zu sein, wie du schon so schön schreibst!! es tut unheimlich gut die Gefühle auszusprechen und miteinander zu teilen. Man ist nicht alleine in dieser schwierigen Zeit. Und das ist auch für die Kinder total wichtig und gibt ihnen Halt und Sicherheit. Leider wurde in meiner Kindheit nicht viel darüber geredet. Ich habe selbst Wege gefunden damit umzugehen als meine geliebte Oma gestorben ist. Und die Trauer überfällt mich auch heute hin und wieder noch. Und ich denke auch das ist normal… Ich bin dankbar darüber, dass ich auf der Beerdigung meiner Großeltern sogar novh Messdienerin war- das war für mich Symbolisch wie eine letzte Geste und ein Dienst der Ehre. Mittlerweile bin ich sehr offen gegenüber verschiedenen spirituellen Glaubensrichtungen und so weiter. Ich lege mich da nicht aufs eins fest.Alles Liebe füht euch gedrückt!!

  4. Liebe Sonja, schön geschrieben, ich hatte Gänsehaut beim Lesen! Ich finde es total toll, wie ihr es mit den Kindern erklärt und gemacht habt. Wir haben das Thema hier auch immer mal wieder und ich finde es auch wichtig darüber zu sprechen. Auf jeden Fall soll es den Kindern keine Angst machen. Bei uns ist der Opa auch im Himmel oder schon wieder als Baby in eine neue Familie hineingeboren. 🙂 Alles Liebe euch, Sophie

    1. Liebe Sophie, das find ich auch eine sehr schöne Art, damit umzugehen. Vielen lieben Dank für deine netten Worte! Sonja

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