Miteinander statt gegeneinander geht in jedem Alter.

Dieser Tage fällt es mir schwer zu bloggen. An manchen Tagen bin ich sehr müde. Weil so vieles passiert, über das ich den Kopf schüttele, über das ich verzweifeln möchte, über das ich eigentlich gar nicht mehr nachdenken will und doch nicht aufhören kann.

Weil ich fassungslos vor so vielen Entwicklungen dieser Tage stehe und kaum noch weiß, was ich da auch noch zu sagen soll. Weil ich so viel sagen möchte und kaum weiß, wo ich anfangen soll. Und weil so viele Ungerechtigkeiten passieren dieser Tage, das einem ganz schwindlig werden kann.

Und dann passiert etwas, das klar macht, dass nichts zu sagen keine Alternative ist. Egal wie anstrengend es ist, einen Text zu schreiben. Deswegen versuche ich es.

Meine Gedanken sind bei George Floyd, bei seiner Familie, und bei allen Menschen in Amerika, im Rest der Welt und auch bei uns in Deutschland, die durch einen strukturellen Rassismus in der Gesellschaft immer wieder benachteiligt werden und sich nicht mal ihres Lebens sicher sein können.

Ich bin so hell wie eine kalkige Wand, aber das ist nichts auf das ich stolz bin. Es ist nichts, das ich erreicht habe oder das mich gar besser macht, als irgendjemand anderen.
Meine Hautfarbe ist etwas, das mir ganz zufällig zur Geburt geschenkt wurde wie das Leben an sich oder der Ort, an dem ich das Licht der Welt erblicken durfte.

Ich habe keine dunkle Haut, ich hatte sie nie und deswegen kann ich eben nicht nachempfinden, wie es sich anfühlt, immer wieder darauf reduziert zu werden. Ich kann nur versuchen, mich hineinzufühlen und zuzuhören. Und deswegen kann ich hier nur sagen: i stand by you! Ich stehe an eurer Seite. Ich bin bei euch!

Bei meinen Freunden, Bekannten, Kollegen, bei allen Menschen, mit nicht-weißer Haut. Bei allen Menschen, die Benachteiligungen oder Diskriminierungen aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, oder auch ihrer sexuellen Orientierung oder was weiß ich noch aus was für Gründen erleben müssen. Your lives matter. Black lives matter.

Warum sich Benachteiligungen nicht vergleichen lassen.

Auch ich habe in meinem Leben schon Benachteiligungen erfahren. Zum Bespiel als ich auf dem Gymnasium zwischen lauter reichen Kindern in Ungnade fiel und als Scheidungskind wegen meiner Aldi-Schuhe gemobbt wurde. Oder als ich älter wurde und trotzig beschloss, gar nicht mehr dazu gehören zu wollen und mir die Haare bunt färbte, mich piercen und tätowieren ließ und dadurch eine Außenseiter-Position einnahm, auf die ich bis heute zuweilen gerne mal reduziert werde.

Doch dieses #anderssein hatte und habe ich selber gewählt.

Wenn ich gewollt hätte, hätte ich als blauäugiges, blondes Mädchen in der Masse verschwinden können, so wie all die Jahre zuvor. Niemanden wäre ich aufgefallen. Nach meiner Herkunft wurde ich immer erst nach Nennen meines polnischen Mädchennamens gefragt, doch auch das ist Makulatur im Vergleich zu dem, was viele meiner Freunde und Bekannte erleben mussten. Es zählt nicht. Denn ich hatte keine wirklichen Nachteile dadurch.

Meine Freunde hingegen hatten keine Wahl. Niemals.

Meine Freundin aus Malaysia konnte sich nicht aussuchen, dass die Menschen sie in Cafés ansprachen und sie für die Putzfrau hielten, sie konnte auch nicht verhindern, dass andere Menschen Vorurteile aufgrund ihres arabischen Namens hatten, so dass sie ihn auf der Wohnungssuche lieber verschwieg.

Mein Weißsein hingegen war mir eigentlich nie bewusst. Bis zu dem Tag, an dem ich aus der Blase des Gymnasiums fiel und auf der Berufsschule landete.

Hatten wir auf dem Gymnasium in den 90er Jahren bei 30 Schülern in der Klasse einen Polen und einen Serben, so drehte sich das Verhältnis nun plötzlich um. Auf der Berufsschule und später auf der Abendschule war ich plötzlich umgeben von Serben, Kroaten, Türken, Asiaten und ungezählten anderen Nationalitäten und musste mich zum ersten Mal so richtig mit den Vorurteilen auseinander setzen, mit denen auch ich aufgewachsen war.

Sei es die Warnung vor den Kindern aus dem “Asylantenheim” an der Ecke. Oder die Beschwerden der weißen Nachbarn über die “Zigeuner”, die die Rotkreuz-Säcke mit unserer gespendeten Wäsche “plünderten”.
(I mean, wtf… ihr habt die Sachen weggeschmissen und gönnt sie den Menschen trotzdem nicht..) Oder der Ärger meines Opas, dass meine Tante während ihrer Zeit als Au pair in den USA mit einem Schwarzen liiert war oder die Warnung meiner Eltern vor den “Drogenabhängigen”, als ich aus lauter Protest anfing an der nicht sehr weißen Hauptschule rumzuhängen… ich habe all das hingenommen und es lange nicht hinterfragt. Es gab ja keinen Grund dazu.

Bis ich mit 16 zuhause auszog und nun nicht mehr im Reihenhaus zwischen lauter Weißen, sondern in meiner eigenen kleinen Wohnung im Hochhaus lebte. Bis ich das Gymnasium in der zehnten Klasse verließ und auf die Berufsschule wechselte. Erst da wurde ich gezwungen, all das zu hinterfragen. Und ich bin froh, dass es so gekommen ist. Denn wenn ich das so niederschreibe, hört sich all das so schlimm nach Klischees an. Doch genau so habe ich es erlebt.

Heute kann ich sagen, auch wenn mein persönlicher Weg aus vielerlei Gründen kein leichter war, so bin ich froh und dankbar für all diese Erfahrungen. Diese Zeit hat mich sehr verändert und geprägt. Sie hat meinen Horizont erweitert, und sie hat mir gezeigt, wie privilegiert ich trotz allem bin.

Doch diese Zeit war auch bunt und laut und lustig. Ich habe viel Menschlichkeit und Wärme erlebt und abseits des Klassenzimmers so viel mehr über unsere Gesellschaft aber auch mich gelernt, als in all den Jahren an Gymnasium und Uni zusammen. Und das verdanke ich den Menschen dort mit all den unterschiedlichen Biographien, Hintergründen und Hautfarben.

So viele meiner Freunde an der Berufsschule wuchsen mit dem Bewusstsein auf, anders behandelt zu werden. An jedem Tag ihres Lebens, von Kinderbeinen an. Die syrische Freundin mit Kopftuch; die türkische Freundin aus der Großfamilie; die malaiische Freundin mit dem Nachnamen, den sie mit einem Attentäter des 11. Septembers teilte; der dunkelhäutige Freund, der hier geboren wurde und dennoch nie gut genug Deutsch sprechen konnte, um nicht mehr nach seiner “eigentlichen” Herkunft gefragt zu werden.

Ich erinnere mich an viele ihrer Geschichten und dennoch ist es sicher nur ein Bruchteil all ihrer Erlebnisse mit einer rassistischen Gesellschaft. Mit einer Gesellschaft, die lieber darüber diskutiert, ob Politiker im Bundestag sich zu ihrer Antifa-Vergangenheit bekennen dürfen (Ja Mann!) als darüber, dass dort Menschen sitzen, die immer noch über “Kopftuchmädchen” hetzen.

Auch mir machen diese Entwicklungen Angst. Aber wieviel größer ist die Angst, wenn du selber nie “deutsch” genug sei kannst, um endlich akzeptiert zu werden? Ich kann es auch heute nur erahnen.

Was kann ich meinen Kindern mitgeben?

Es wird sicher wieder einige Leser*innen geben, die sich fragen, was all das auf einem Familienblog zu suchen hat. Ich sag es euch: Jetzt bin ich Mutter und es ist an mir, es ist an uns allen, unseren Kindern ein anderes Verständnis von Miteinander zu vermitteln!

Es ist wichtig, ihnen beizubringen, dass es so etwas wie Rassismus gibt, auch jetzt schon im Kindergartenalter. So sprechen wir darüber, warum sie das N-Wort nicht verwenden sollen, auch wenn das in einem unserer alten Märchenbücher so steht. Wir reden darüber, dass alle Menschen gleich wertvoll sind und das es Menschen gibt, die das anders sehen. Es gibt auch bei kleinen Kindern, die selber nicht dunkelhäutig sind, unzählige Anlässe, um ihnen “awareness” beizubringen.

Um ihnen zu zeigen, dass es gut und richtig ist, Dinge zu hinterfragen, und für andere einzustehen. Das private ist und bleibt politisch und bedeutend, wenn wir unsere gesamte Gesellschaft endlich zum Guten verändern wollen. Und dafür braucht es aufgeklärte Kinder, die lernen, auch und gerade uns Eltern immer wieder kritisch zu hinterfragen.

Thats why. Black lives matter.

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