Homeoffice mit Kindern. Reloaded.

Dies hier wird keine wissenschaftlich fundierte Ausarbeitung der Belastung von Familien in der Corona-Zeit. Es wird auch kein aufmunterndes “alles wird gut” mehr. Sorry. Dieser Post wird vielleicht nicht mal mehr ein Rant. Denn – Aufregen kostet Kraft. Zu viel Kraft.

Vier Monate Corona und kein Ende in Sicht…

Kraft? Moment mal? Die Kitas sind doch wieder offen, werden Karl-Heinz und Erna jetzt vielleicht sagen, während sie ihren Rotwein auf der Terrasse schlürfen und sehnsüchtig von der Algarve träumen. Und überhaupt, wird Karl-Heinz sagen: Meine Mutter hatte fünf Kinder. Die hat sie alle groß gekriegt. Ganz ohne Kita. Und nie hat sie sich beschwert.

Lieber Karl-Heinz würde ich dann gern sagen, das mag daran liegen, dass deine Mutter abends vielleicht keine Luft mehr hatte, wenn du und deine vier Geschwister endlich in euren Betten gelegen habt. Und überhaupt, würde ich sagen, wer hätte ihr schon zugehört? So allein in der Küche, während sie euren dreckigen Teller spülte und Vatti seine Lohntüte in der Kneipe um die Ecke durchbrachte…. aber ach, das ist natürlich alles Spekulation.

Vielleicht waren die Müttergenerationen vor uns ja wirklich die stillen Superheldinnen, zu denen wir sie gerne machen. Vielleicht würden sie auf den Titel aber auch herzlich pfeifen und Karl-Heinz in die Küche abkommandieren, wenn man(n) sie nur ließe.

Ach diese Mütter von heute, die sind aber auch so wehleidig. Die sind nichts mehr gewohnt. Erst wollen sie alles. Kinder, Karriere und schicke Fingernägel und dann moppern sie rum, wenn das feinsäuberlich aufgebaute Kartenhaus aus Teilzeitkarriere und Teilzeitmama, Teilzeithausfrau und Vollzeitburnout beim ersten Windhauch in sich zusammen fällt.

Schön, wenn es so einfach wäre, oder? Nun ist so eine weltweite Pandemie ja leider mitnichten ein kleiner Windhauch und wir alle mussten und müssen uns ja erstmal dadurch wurschteln… Aber vieles ändert sich dann leider doch nicht:

Einer der größten Risikofaktoren an Corona zu sterben ist es – wie überraschend – arm zu sein.

Und auch die wirtschaftlichen Folgen der Krise tragen hauptsächlich Menschen in eher prekären Beschäftigungsverhältnissen. Die unten schieben Kurzarbeit (wenn sie Glück haben), die oben sitzen im Homeoffice. So ehrlich müssen wir schon sein. Reiche werden durch die Krise noch reicher. Arme verlieren erst den Job, dann den Kopf. Ja lieber Karl-Heinz, so plakativ kann man das durchaus mal sagen.

Und erinnerst du dich an das Klatschen? An die systemrelevanten Berufe? An all die Pfleger*innen und Kassierer*innen, die Regale- Auffüller*innen.. rate mal, in welchen Jobs ziemlich viel mehr Frauen als Männer arbeiten? Im DAX-Vorstand jedenfalls nicht.

Abholzeit ist ab morgen um halb zwei.

Aber was willst du mir sagen, wird Karl-Heinz mich fragen? Das trifft doch die Männer ebenso, Guck mal, über die LKW-Fahrer*innen redet niemand. Nun lieber Karl-Heinz würde ich dann antworten, weisst du, es ist so: egal, wieviel Mühe wir uns als “moderne” Eltern geben, spätestens wenn es ums Stunden reduzieren geht, um die kleinen Schreiraupen zu hüten, sind es eben doch wieder signifikant mehr Frauen als Männer, die zurück stecken. Und weißt du lieber Karl-Heinz, der Mann und ich, wir machen das ja schon eigentlich ganz gut mit der Rollenaufteilung, find ich.

Er wäscht die Wäsche, ich putze das Klo.
Ich koche, er spült und weiter so..

Aber das allein langt eben nicht. Es geht bei Gleichberechtigung eben nicht nur ums Putzen. Es geht doch um so viel mehr. Um gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit und dings.. Gleiche Chancen und so. Stattdessen bespaßen landauf landab die Mamas wieder rund um die Uhr die Kleinen, damit die Papis genug Zeit haben, uns im Fernsehen diese seltsamen Reproduktionszahlen zu erklären. Das Bild hängt schief lieber Karl-Heinz.

Und das mit den offenen Kitas, da müssen wir leider nochmal drüber sprechen. Seit Ende Juni gehen wieder alle Kinder in den Kindergarten? Nun ja, auf dem Papier schon… Aber ach Papier ist geduldig. Viel geduldiger als ich.

De facto werden Kinder von Risikopatient*innen weiter zuhause betreut und beschult. Andere Kinder haben ihre Ansprüche auf Betreuungsplätze gleich ganz verloren, weil die Eltern durch Corona ihre Jobs verloren haben. Wieder andere Kinder würden zwar gern kommen, können aber nur an einzelnen Tagen betreut werden oder deutlich weniger Stunden am Tag kommen. Manche können nicht mehr eingewöhnt werden, da zu wenig Erzieher*innen in den Einrichtungen sind, andere bekommen kein Vorschulprogramm mehr. Und das alles ganz ohne Herbst und Erkältungssymptome, die mit Corona doppeltes Lottchen spielen.

Die Kinder hingegen machen alles mit. Sie ertragen stumm, dass sie ihre Gruppen wechseln müssen, damit sie mit ihren Geschwistern zusammen sind. Sie gehen nicht mehr zum einkaufen, verzichten auf Abschiedsfeste und Turnvereine, Kirmes und Omabesuche und Urlaub und sind doch eigentlich immer im Weg.

Weil Mutti und Vatti so ganz nebenbei versuchen, die Kohle für Heim und Herd ranzuschaffen. Also sitzen die Kinder neben den Rechnern der Eltern (wenn die Eltern das große Glück haben, so ihr Geld verdienen zu können) und füllen stolz ihre Vorschulhefte aus und wissen doch nicht, ob sie ihre zukünftigen Schulen wohl jemals von innen sehen werden.

“Ab morgen können wir die Kinder leider nur noch bis 13.30 Uhr betreuen” Das ist die Realität in Coronas Deutschland. Und das passt so la la zu 40 Stunden Jobs. Kurzfristige Änderungen, das müssen die Eltern schon verstehen, weil dieses Corona halt oder gleich geschlossene Gruppen, weil – sorry – Personalmangel. Aber was soll man halt machen.. Uns sind ja die Hände gebunden.

Lieber Karl-Heinz, wie geht das, frag ich dich. Ach ja, Muddi rennt sich halt die Hacken wund und organisiert sich einen Wolf, wie sie es schon immer getan hat und abends fällt sie tot ins Bett.

Natürlich macht Muddi das schon. Weil verdammt nochmal, es macht ja sonst keiner.

Die Eltern, die noch ein wenig Kraft übrig haben oder von so viel Wut angetrieben werden, dass sie gar nicht mehr merken, wie k.o. sie sind, die organisieren sich. Gehen auf Demos, schreiben Politiker*innen oder Journalist*innen an und versuchen darauf aufmerksam zu machen, was hier vor sich geht. Aber es sind zu wenige. Der Rest ist mit Wäsche waschen, Alphabet lernen und nachts Exceltabellen befüllen beschäftigt. Der große Aufschrei bleibt aus. Wie eigentlich immer, wenn es um Familienthemen geht. Und wie war das noch gleich während des Lockdowns.. ach ja, “Pipikacka-Themen” – damit gewinnt man(n) eben keinen Blumentopf.

Ohne Eltern kein Wirtschaftsaufschwung.

Was bei der ganzen Misere aber völlig außen vor bleibt, ist die Tatsache, dass es ohne Eltern ja gar nicht geht. Eine brachliegende Wirtschaft braucht auch und gerade Eltern, wenn es irgendwann wieder vorwärts gehen soll. Und das lieber Karl-Heinz wird auch dieses Mal nicht ohne Muddi gehen. Auch wenn die inzwischen lieber Kurvendiagramme berechnet anstatt Vattis Pantoffeln zu suchen. Und dann werdet ihr euch wünschen, ihr hättet euch mal etwas eher um das Betreuungsproblem gekümmert.

Liebe Eltern da draußen: Haltet durch. Aber bleibt weiter laut. Sammelt euch, organisiert euch. Guckt bei #familieninderkrise oder #elterninderkrise vorbei und engagiert euch. Um es mit den Worten von Muddi herself zu sagen: Ja wir schaffen das. Aber verdammt nochmal, das tun wir nur gemeinsam.

Love, eure Sonja

*upps, ist ja doch ein Rant geworden…


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