Wo geht es lang in diesem Corona-Herbst?

Ich will nicht mehr über das große C schreiben. Ich will nichts mehr darüber lesen, ich will es nicht mehr hören. Am liebsten würde ich mich zuhause eingraben unter Kissen und Kuscheldecken mit Tee und Büchern und nur noch nähen und stricken und erst wieder raus kommen, wenn das alles vorbei ist.

Aber natürlich geht das nicht. Natürlich kann ich nicht die Augen verschließen vor steigenden Infektionszahlen. Natürlich sehe ich meine Kinder morgens mit Sorge in Richtung Grundschule und Kindergarten ziehen und frage mich, wie lange das noch so gehen wird.

Im Berchtesgadener Land ist heute der erste lokale Lockdown für zwei Wochen gestartet. Menschen dürfen nur noch aus triftigen Gründen ihre Häuser verlassen. Schule und Kindergarten gehören nicht dazu. Mal wieder. Arbeiten hingegen schon. Doch: es ist wieder eine Frage des Berufs der Eltern, ob Kinder in die Notbetreuung dürfen. Und es ist wieder eine Frage der Eltern, wie sie nun wieder Betreuung, Beschulung und Brötchenerwerb unter einen Hut bringen. Und obwohl es sicherlich gute Gründe für viele verschiedene Überlegungen des Infektionsschutzes gibt, so macht all das auch einfach unglaublich müde.

Ich will den März nicht zurück

Ich will meinen Kindern nicht wieder erklären müssen, dass sie nicht mehr reiten gehen dürfen. Ich will ihnen nicht sagen müssen, dass das Ballett wieder ausfällt. Ich will ihnen nicht sagen müssen, dass sie in diesem Jahr weder zum Martinsumzug noch zur Halloweentour durch die Nachbarschaft dürfen. Es bricht mir das Herz und ich kann nichts daran ändern. Denn für sie, die in diesem Jahr so viel zurückstecken mussten, ist jedes einzelne dieser Erlebnisse soo wichtig. Aber – wenn es so kommen wird, werde ich nichts dagegen tun können. Ich werde bei ihnen sitzen und die blöde Nachricht überbringen. Und ich werde Hände halten, Köpfe streicheln und Tränen trocknen.

Und sie werden es wegstecken. Wie sie alles wegstecken. Natürlich. Und doch frage ich mich, wie ich das begleiten kann. Wie kann ich als Einzelne auffangen, was die Gesellschaft nicht leisten kann? Und woher nehme ich die Kraft? Als Mutter würde ich meinen Kindern natürlich am liebsten jedes Leid ersparen. Sei es aus Erwachsenensicht auch noch so klein. Aber wie so oft im Leben – wird das auch dieses Mal nicht funktionieren.


Ich wäre ihnen so gerne eine Stütze oder zumindest ein Licht, dass ihnen ein wenig den Weg durch diese Zeit weist. Allein – ich kenne ihn ja auch nicht.

Ich glaube daran, dass es für die Kinder, die in diesen Corona-Zeiten aufwachsen, um Verlässlichkeiten geht. Um Sicherheiten in all dem Durcheinander. Vielleicht noch ein bisschen mehr als für die Erwachsenen. Vielleicht mehr denn je. Denn Corona sorgt auch bei unseren Kindern für Ängste. Da ist die Angst, die Freunde nicht sehen zu dürfen, Angst wieder nicht raus zu dürfen, Angst vor wieder abgesperrten Spielplätzen, abgesagten Feiern und nicht zu vergessen, Angst vor der Krankheit selber. Was für uns schon so schwer zu begreifen ist, es muss für die Kinder ein riesiger Berg aus undurchsichtigen Unklarheiten sein. Aber die stecken das schon weg. Die sind hart im Nehmen, sagen wir uns. Und haben doch keine Ahnung davon, welchen Preis die Kleinsten zahlen.

Und während ich das schreibe, kommt sie. Die befürchtete Mail aus dem Kindergarten. Dieses Mal ist es die benachbarte Gruppe mit Coronaverdacht und Quarantäne. Glück gehabt. Schon wieder. Aber wie lang geht das noch gut? Wann trifft es uns? Und die Sorgen sind mit einem Mal wieder ganz nah und brennen heiß unter den Nägeln. Der drohende Himmel mit den dunklen Wolken öffnet sich und lässt sein ganzes ungutes Gewitter aus Kontaktpersonen, Nachverfolgungsketten und Sorgen um Infizierte und befreundete Familien auf uns herab.

Ich weiß, dass wir nicht ohne Abstand durch diesen Winter kommen.

Ich leugne weder die Krankheit, noch die Pandemie. Ich glaube, dass Einschränkungen nötig sind, auch wenn sie mir in der Brust wehtun und sich alles in mir dagegen wehren möchte. Ich glaube daran, dass wir nur gemeinsam dadurch kommen.

Und doch: als soziales Wesen, als Mutter, als Tochter, als Freundin, es tut mir in der Seele weh. Ich vermisse das Feiern, die Gelassenheit, die Unbekümmertheit, das Beisammensein. Das Quatsch machen und Köpfe zusammen stecken, dass Miteinander mit all den Menschen, die mir nah sind. Und das muss ich vielleicht auch einfach so anerkennen. Denn zu ändern ist es nicht.

Also suche ich nach Rezepten, nach Strohhalmen, nach Ideen, die uns durch diese Zeit führen. Und doch, kann auch ich nur einen Fuß vor den anderen setzen. Auf Sicht fahren, nennen sie das. Ich hasse es. Und mache es. Also where is my f** light?

XXX,
Sonja



2 Comments

  1. Mit Tränen in den Augen und unterdrücktem Schluchzen lese ich deinen Beitrag….Wir dürfen hier zwar noch frei rumlaufen. Sollten es aber besser nicht….ich weiß nicht wie ich mich sinnvoll verhalte. Pandemie auf der einen, Einsamkeit auf der anderen Seite. Werde mit meinen Kindern eine Laternen-Nachtwanderung machen. Ein familiäres Halloween feiern….und ansonsten Händewaschen was das Zeug hält…einfach Scheiße das alles. Du sprichst mir aus der Seele. Alles Liebe Claudia ❤️

    1. Ach Mensch. Ganz liebe Grüße und Gedanken zurück. Wir werden wohl auch einen privaten Spaziergang mit den Laternen und wenn es klappt mit einem Pony machen. Und für Halloween einen Nachmittag zuhause planen. Es schmerzt trotzdem und geht mir gerade auch sehr ordentlich auf den Wecker. Aber es hilft ja nichts. Fühl dich virtuell umarmt. ❤️

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