Geschlossene Geschäfte, geschlossene Schwimmbäder, Zoos, Cafés, Kinos. An all das haben wir uns inzwischen ja schon fast gewöhnt. Der große Schreck aus dem ersten Lockdown ist verarbeitet. Wir wissen, die Welt geht nicht unter, sondern dreht sich halt ein wenig langsamer weiter. Essen geht nicht aus, Klopapier auch nicht. Und trotzdem zerrt dieser Lockdown sehr an meinen Nerven.

Uns bleiben immer noch die Weinberge. Auch wenn sie grau und matschig sind.

Denn während im Frühjahr die Sonne schien und wir draußen Radfahren, Blumen sammeln, Trampolin springen und später sogar im Garten im Pool rumplanschen konnten (und ja ich weiß, dass das ein Privileg ist), bleibt uns diesmal nur das Spazieren. Im Wald und auf den Feldern. Bergrauf, bergrunter. Und dabei ist alles um uns herum grau. Der Boden ist matschig, die Wälder kahl, Felder abgeerntet. Die frische Luft tut immer noch gut. Aber das tiefe Aufatmen, das heilende Gefühl der Natur, das mich im Frühjahr, Sommer und Herbst umarmt hat, will sich einfach nicht einstellen, wenn draußen alles nass und kalt und grau ist. Allein das Gefühl, wenigstens wieder eine Stunde geschafft zu haben, bleibt. Vielleicht bin ich empfindlich. Das ist gut möglich. Aber ganz sicher bin ich genervt.

Ich kann die ewig gleichen Wege nicht mehr sehen.

Ich muss mich zwingen. Zum Joggen, zum Yoga, zum Spiele spielen, zum arbeiten, zum kochen. Alles eine ewige Überwindung. Um nicht abzugleiten. Nicht einfach liegenzubleiben und gar nichts mehr zu machen. Denn dann wird alles nur noch schlimmer. Wann immer ich laufe, spiele, arbeite, ist alles halb so wild. Es macht sogar bisweilen Spaß. Und dennoch habe ich das Gefühl, da sitzt jemand auf meiner Brust. Nichts läuft einfach so. Kein Flow.

Denn über mir schwebt auch noch eine lähmende Angst. Bleiben Schulen und Kitas geschlossen? Werde ich wieder gezwungen, mich zwischen Job und Kindern zu vierteilen? Wird es wenigstens eine Notbetreuung geben? Wird meine Erstklässlerin Unterstützung bekommen beim Lernen? Kommt endlich etwas Abwechslung in unseren ewig gleichen Alltag? Jetzt, wo die Kinder schon wieder seit vier Wochen daheim sind und sich beginnen zu langweilen. Jetzt wo keine Vorfreude auf Weihnachten oder Silvester sie mehr ablenkt. Jetzt wo es nichts mehr zu tun gibt, nichts mehr zu backen oder zu dekorieren, nichts mehr zu basteln oder vorzubereiten. Jetzt, wo wir nur noch warten. Auf sinkende Zahlen, auf die Impfung, auf den Frühling, auf Erlösung.

Warten auf Entscheidungen, die von weit weg kommen aber doch sehr direkt unser ganz privates Leben betreffen. Entscheidungen, die wir nicht beeinflussen, sondern nur hinnehmen können. Entscheidungen, die gefällt werden, obwohl die Lebensumstände im ganzen Land so unterschiedlich sind. Und dabei das Wissen, dass wir nichts tun können. Mir bleibt nichts anderes, als die bittere Pille meinen Kindern irgendwie zu verkaufen. Und dabei das Wissen über all die Aggression mit der Diskussionen geführt werden. All die Bitterkeit, all das Unerbittliche. Anstelle von Zuhören, miteinander ins Gespräch kommen, abwägen, ernst nehmen, nachjustieren.

Und wie so oft sehe ich mich gezwungen, hier einzufügen, dass ich die Maßnahmen nicht anzweifle. Dass ich keine Leugnerin bin. Im Gegenteil. Ich bin Risikogruppe. By the way. Aber ich bin eben auch Mutter. Und als solche wünsche ich mir eine klare Perspektive. Gesehen werden. Ernst genommen werden. Wenigstens das. Denn natürlich trage ich die Maßnahmen mit. Aber ich bin auch überzeugt davon, dass es gerade für Kinder bessere Ideen geben muss. Einen Plan, der langfristig funktioniert und Bildung und Teilhabe möglich macht. Trotz Corona.

Vielleicht würde das viel von der Anspannung nehmen. Denn das aushalten ist es, was es gerade so schwer macht. Das ewige Nicht-Wissen wie es weiter geht. Ein Ziel vor Augen haben.

Beim Marathon sind es die letzten Kilometer, die besonders an den Nerven zerren, sagt mein Mann. Vielleicht nervt mich dieser Lockdown genau deswegen so hart. Alles zwickt und kneift und schmerzt und die Seiten stechen. Das Ziel ist unscharf am Horizont erkennbar. Aber es sind eben auch noch ein paar Meter zu laufen. Jetzt nur nicht aufgeben. Weitermachen, weiterlaufen. Wir sind ja nicht allein.

Denn lohnen tut es sich allemal, wenn wir uns jetzt nochmal zusammen reissen. Für das Leben. Für die Gesellschaft. Und irgendwann liegen wir dann im Ziel, erschöpft und glücklich. Und freuen uns über das, was wir geschafft haben. Und können hoffentlich auch wieder aufeinander zu gehen. Und uns in den Arm nehmen. Darauf freue ich mich wirklich.

Also Füße runter vom Sofa. Und raus mit uns. Laufen, spazieren, spielen, arbeiten, ablenken. Das Ziel ist zu sehen. Ich sag das nochmal. Für euch. Und für mich.

XXX, Sonja

1 Comment

  1. Das Aufraffen und rausgehen obwohl da nicht lockt ist unglaublich schwer!
    Stimme dir voll zu und bewundere immer deine Draußenbilder. Allein die Kinder zum Anziehen zu bewegen, wenn man selber eigentlich keine Lust hat…das schaffe ich nicht jeden Tag.

    Alles Liebe Claudia ❤️

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