Lange hab ich hier nichts mehr geschrieben. Denn Corona raubt mir jeden Tag viel zu viel meiner Kraft. Und meine Stimme. An viel zu vielen Tagen bin ich einfach nur noch müde. Ja nicht mal mehr “mütend”, sondern ohnmächtig, weil ich mich ausgeliefert und hilflos fühle. Da ist kaum noch Platz für Wut, denn die braucht ja irgendeine Flamme im Inneren und das Innere fühlt sich so oft einfach nur noch leer an.

Die Stimmung ist beschissen.. aber wir tanzen auf den Tischen? Schön wärs. Photo by Sydney Sims on Unsplash

Weil ich den ganzen Tag kämpfe. Mich aufreibe zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung, Kinderbeschulung, wechselnden Modellen im Kindergarten, aufmuntern und Tränen trocknen, zum Masken tragen motivieren und Kinderhände eincremen, die vom vielen Desinfizieren aussehen, wie die meiner Oma, die jeden Tag dreimal mit Hand unser gesamtes Geschirr spülte. Weil ich abends ins Bett falle und dann nicht schlafen kann. Weil ich weiß, dass der Alptraum jeden Morgen beginnt, wenn ich aufstehe. Weil ich mich sorge um unsere Gesundheit und um die Zukunft meiner Kinder. Weil mein Mann seit einem Jahr in Kurzarbeit ist. Weil wir nie nie eine Pause bekommen und nicht aufatmen können. Weil die vielen kleinen Inseln, die Auszeiten vom Alltag, alle verboten sind. Wir können keinen Tag vergessen, dass da draußen eine Pandemie ist. Kein Kino, kein Schwimmbad, kein Zoobesuch, kein Kurzurlaub, keine Party, kein Grillen mit Freunden, kein ausgelassen sein lassen und die Sorgen auch nur ein paar Minuten beiseite schieben.

Stattdessen arbeite ich hart daran, psychisch gesund zu bleiben. Mache Yoga und meditiere und laufe Runde um Runde durchs Feld, um Druck vom Kessel zu nehmen. Doch so verhindere ich lediglich, dass der Tropfen das Fass zum überlaufen bringt. Ich schöpfe immer nur ganz oben etwas vom Rand ab. Es kostet es mich viel Kraft, stabil zu bleiben. Für mich. Und für meine Kinder. Und ach ja, mein Mann ist ja auch noch da. Und selbst er, mein Fels, ist angeschlagen von den Strapazen des letzten Jahres.

Eigentlich bräuchten wir alle eine kapitale Auszeit. Zwei, drei Monate mit dem Bulli durch die Gegend fahren. Endlich wieder bei uns ankommen und unsere Mitte finden. Kraft schöpfen, um Kraft geben zu können. Um einander Halt zu geben. Doch natürlich geht das nicht. Und das gilt eben nicht nur für unsere Familie. Eltern landauf und landab haben das gesamte letzte Jahr über ihre Ressourcen gelebt. Haben beschult und nachts gearbeitet, Angehörige gepflegt und nebenbei den Laden am Laufen gehalten. Doch das hinterlässt Spuren.

Wir sind dünnhäutig geworden. Sind dauergenervt und gereizt und schimpfen mit den Kindern, obwohl wir eigentlich “die da oben” meinen.

Wisst ihr, was Menschen mit Depressionen hervorragend können? Sich zusammen reissen. Nicht auf die eigenen Signale hören, sondern immer weiter machen. Immer weiter funktionieren. Nur noch ein bisschen, bis der nächste Urlaub kommt, bis der Abgabetermin durch ist, bis das nächste Projekt fertig ist oder eben der nächste Lockdown beendet.

Es ist ein Teil des Krankheitsbildes über die eigenen Grenzen zu gehen. Und genau das machen wir alle gerade. Kollektiv. Jeden Tag und jede Woche wieder. Jeden weiteren Monat, den dieser halbgare Irgendwas-Lockdown mit völlig irrelevanten Schnickschnack-Öffnungen dauert, der uns immer tiefer in die Sch** reitet, anstatt uns endlich spürbar aus der Krise zu führen. Das ganze Land ist auf dem Weg in eine Depression. Und die rettende Insel, die Impfung oder wenigstens ein vernünftiger Plan, ist noch viel zu weit weg.

Und eigentlich will ich hier gar nicht mehr darüber schreiben. Ich würde mich viel lieber um alle anderen Themen kümmern, die uns wichtig sind. Würde hier über die Kindesentwicklung schreiben, so wie früher. Über die ersten Schritte von Kindern in der Schule, über die Einschätzung der Schulreife, über die Emanzipation von Müttern, über die Macht von schönen Geburten oder fairer Kinderkleidung. Allein – nichts davon kann ich gerade ohne den Kontext von Corona betrachten.

Meine Erstklässlerin kennt Schule nur unter Pandemiebedingungen. Wie könnte ich ihre Entwicklung ohne Corona betrachten? Welche Schritte würde sie ohne diese Einschränkungen gehen? Mein Kindergartenkind wird bald Vorschülerin. Wie könnte ich mich sorgenlos mit ihr darüber freuen, ohne daran zu denken, ob den wenigstens ihre Einschulung in 2022 ohne Abstandsregeln stattfinden kann?

Das letzte Jahr steckt uns in den Knochen. Und wir tun unser Bestes, nicht daran zu ersticken. Wir machen weiter. Denn wir müssen ja. Aber ich finde, wir haben eine Sache inzwischen mehr als verdient:

Ich rede von Hoffnung. Von schnöder, alter Hoffnung.

Einer begründeten Hoffnung, dass es besser werden wird und das diese Zukunft in einer definierbaren Entfernung liegt. Und wenn es dafür nötig ist, noch einmal in einen harten Lockdown zu gehen, verdammt nochmal dann machen wir das. Aber ich habe kein Verständnis mehr dafür, wenn auch dieser “Brücken- oder was auch immer – Lockdown” wieder mehrere Monate dauert. Denn vielleicht haben “die da oben” das vergessen, aber die allermeisten Kinder in Deutschland sind seit Mitte Dezember (wtf!) im Homeschooling. Und Büros dürfen noch immer ohne negative Tests, ohne Masken betreten werden und die Wirtschaft wird noch immer “gebeten” Rücksicht zu nehmen. DAS GEHT EINFACH NICHT!

Wisst ihr was mich am allermeisten belastet in dieser Krise? Es ist die Tatsache, dass ich diese misslungene Coronapolitik irgendwie meinen Kindern verkaufen muss. Und das ich immer und immer wieder die Überbringerin von Hiobs-Botschaften sein muss, die ich selber nicht verstehe.

Also so lange, das hier in unserem Land so läuft, bleibt mir nichts anderes übrig, als hier weiter über die Politik und ihre Auswirkungen auf Familien zu schreiben. Denn selten war das private so politisch wie jetzt. Und das ist der wahre Jammer!

Mit müden Grüßen fordere ich also einen harten Lockdown, der alle in die Pflicht nimmt. Damit unsere Kinder ihre Kindheit zurück bekommen. Und wir alle etwas, das den Namen “Leben” verdient. Mit allen Facetten. Mit Träumen und Wünschen und Lachen und Beisammen sein. Und dann brauche ich Urlaub. Aber so richtig.

Wie geht es dir in deiner Familie gerade? Erzähl es mir gern in den Kommentaren.

Liebe Grüße, eure Sonja

2 Comments

  1. Guten Morgen Sonja, habe gerade deinen Beitrag gelesen und ich kann es dir gut nachfühlen. Zwar sind wir in der komfortablen Situation, dass zwei unserer Töchter bereits mitsamt Ehemännern in eigenen Hausständen leben (was andererseits dafür sorgt, dass wir uns schon ewig nicht mehr alle gemeinsam gesehen haben), aber unsere Jüngste leidet teilweise sehr. Und versucht es, so gut wie möglich mit sich selbst auszumachen.
    Auch sind mein Mann und ich in der glücklichen Lage, das Arbeiten aus dem Homeoffice schon seit vielen Jahren zu praktizieren.
    Trotzdem gehen wir auch auf dem Zahnfleisch 😔. Und ich werde immer wütender auf die gefühlte Lebensuntüchtigkeit einiger Politiker.
    Am kommenden Wochenende werde ich vermutlich in einem Beitrag über (corona-verträglichen) zivilen Ungehorsam über unseren Ausbruchsversuch schreiben. Denn unser Frust brauchte auch dringend ein Ventil.
    Meine Mutter sagte in solchen Zeiten immer: halt die Ohren steif!
    Alles Gute für euch, Anja/Annuschka

    1. Liebe Annuschka, danke für deine Worte. Ja ohne Ohren steif halten geht das gar nicht. Ich bin sehr gespannt, was du da angeteasert hast über den coronokonformen zivilen Ungehorsam. Ein Eckchen in mir denkt auch immer noch, “da muss man doch irgendwas machen können, um endlich gehört zu werden”.. es ist zum Mäuse melken.. Ganz liebe Grüße und haltet weiter gut durch! Sonja

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