Photo by Dan Meyers on Unsplash

Sie schreiben über Resilienz, über Achtsamkeit und Affirmationen. Über “sich gutes Tun”, über Sport und raus in die Natur gehen, über das Wertschätzen der kleinen Dinge und so vieles mehr, dass uns durch den trüben Pandemiewinter tragen soll.

Das hört sich gut an. Und die Tipps sind gut gemeint. Immerhin stehen wir alle vor (oder eher mitten drin) in diesem zweiten Coronawinter. Trotz Impfungen, (dank?) Ungeimpften, dank Delta und Omikron und zögernden Politiker:innen und so vielem mehr. Dafür mit übervollen Intensivstationen, Teillockdowns, mit teilweisen Kontaktbeschränkungen, mit überlasteten Test- und Impfcentern und noch so vielem mehr, dass einem die Laune verhageln kann. Und wo letztes Jahr noch die Hoffnung war, es sei mit der Impfung ein Ende in Sicht, machen sich jetzt Zweifel breit.

Depressionen haben zugenommen, sagen sie. Irgendwie auch kein Wunder.

Aber was ist mit denen, die auch ohne Pandemie schon um jeden Tag kämpfen mussten?

Ich möchte euch von meiner Geschichte erzählen. Denn ich glaube, da draußen gibt es viele Menschen, denen es ähnlich geht.

An guten Tagen stehe ich auf, wir frühstücken alle gemeinsam, ich bringe die Kinder zu Fuß zu Kindergarten und Schule, mache mir zurück daheim einen Tee, gehe in mein Homeoffice, reiße das Dachfenster über dem Schreibtisch auf, atme tief die eisige Luft ein und beginne mit der Arbeit. Am besten sind die Tage, an denen sich Videokonferenzen mit frei einteilbarer Zeit für meine Aufgaben abwechseln. Dann bin ich im Flow. Ich koche mittags für uns alle etwas zu essen, hole die Kinder ab und gehe dann nochmal für zwei bis drei Stunden unters Dach. Besonders befriedigend sind die Tage, an denen ich konstruktive Gespräche habe, sehr produktiv sein kann, es einen guten Wechsel zwischen Austausch und stiller Arbeit gibt. An denen ich gefordert werde und etwas beitragen kann.

An schlechten Tagen komme ich nur schwer aus dem Bett. Da das Morgenprogramm mit den Kindern verpflichtend ist, robotte ich mich hier durch. Die Kinder tragen mich meist mit ihrer guten Laune bis zur Tür des Kindergartens. Manchmal gibt es aber auch frühmorgens schon Streit, verlorene Lieblingskuscheltiere oder andere Dramen. So weit, so normal. Doch wenn ich an schlechten Tagen nachhause komme, fällt es mir schwer in die Arbeit zu kommen. Ich habe all meine Energie schon für die Morgenzeremonie verbraucht. Alles ist anstrengend, mein Kopf scheint seinen Dienst zu verweigern. Alles fällt mir schwer. Jede Aufgabe wird riesengroß und schwierig. Dann ist es eine Herausforderung, auch noch zusätzlich etwas zu kochen. Jede unaufgeräumte Spülmaschine, ein schier unüberwindbares Hindernis. Jede Stunde Videokonferenz fühlt sich an, wie ein halber Tag. Ich fühle mich kraftlos und will eigentlich nur ins Bett, wohlwissend, dass ich mich auch nach tagelangem Ausruhen nicht besser fühlen werde. Das ist das Drohszenario, dass immer in der dunklen Ecke hinter meinem Schreibtisch lauert. Dann fühle ich mich schuldig und habe Angst, dass man entdecken könnte, dass ich “nicht leistungsfähig” bin. Dann fühle ich mich faul, obwohl ich mich durch alle Aufgaben quäle, egal wie anstrengend das für mich ist. Dann schäme ich mich, weil ich nicht funktioniere. Auch jetzt, wenn ich darüber schreibe, beschleicht mich die Angst, das so zu veröffentlichen. Das Kolleg:innen das hier lesen. Oder Chef:innen. Das ich nie wieder eine verantwortungsvolle Aufgabe bekomme, weil ich ja die bin, die nicht richtig gesund ist. Auf die man sich im Zweifel vielleicht nicht verlassen kann.

Dabei ist es bei vielen Depressiven ja genau im Gegenteil so, dass ihr euch immer auf uns verlassen könnt. Das wir jede Extrameile gehen. Das wir eben wahnsinnig gut “funktionieren” können.

Aber nur sehr schlecht in uns selber hinein hören. Das wir uns selber abstellen, in die Ecke stellen und immer weiter machen. Klar: Jede Depression ist anders. Meine aber funktioniert genau so. Wie so viele andere, leide ich unter wiederkehrenden depressiven Phasen. Manchmal habe ich jahrelang keinen Rückfall gehabt. Manchmal kam es geballt. Klar wurde mir vieles davon erst in der Rückschau in der Therapie. Die letzte schwere Depression hatte ich vor zwei Jahren. Im Februar 2020 saß ich bei meiner Therapeutin und konnte nicht mehr, nachdem ich vorher fast ein Jahr lang manisch durch mein Leben gerannt war und mir keine Pause gegönnt hatte. Nicht nach meinem schweren Autounfall, der mich lange beschäftigt hat, nachdem ich es endlich zugelassen hatte. Und nicht nach dem Verlust meines Stiefvaters, der nach relativ kurzer und schwerer Leidenszeit an Lungenkrebs starb. Und dann kam Corona.

Seit Anfang des Jahres gelte ich offiziell als geheilt. Aber was soll das heißen bei wiederkehrenden Depressionen? Ich fühle mich eher wie eine trockene Alkoholikerin. Seit Corona kämpfe ich jeden Tag um meine mentale Gesundheit. Ich versuche mich an die Tipps aus der Verhaltenstherapie zu halten. Übe mich in Yoga und Achtsamkeit. An manchen Tagen geht es mir durch und durch gut. Ich genieße das Leben in vollen Zügen. An anderen Tagen fühle ich mich, als stünde ich auf einem Drahtseil über dem Grand Canyon. Noch tanze ich zwar oben in der Luft aber ich kann den Abgrund schon sehen. Und Corona macht diesen Abgrund immer und immer wieder auf.

Denn meine Coping Mechanismen funktionieren nicht so wie früher. Ich bin auf mich allein zurückgeworfen. Ich brauche zwar auch die Stille und die Ruhe für mich. Aber eben nicht nur. Ich kann meine Energie aber gerade nicht aus den Treffen mit anderen Menschen saugen. Kann nicht um die Häuser ziehen, kann nicht im Club schwitzen und so lange tanzen, bis der Alltag verblasst, kann keine Auszeit nehmen vom Verantwortung übernehmen. Stattdessen lese ich zu viel Nachrichten, vertrödle viel zu viel Zeit auf Social Media, binge Serien und esse zu viel ungesundes Zeug. Und nein Spazieren gehen ist kein adäquater Ersatz für laut singen und tanzen. Ich versuche es mit Sport aber dieselben Endorphine wollen sich nicht einstellen. Stattdessen jucken meine Beine nach dem Joggen von der Kälte wie die Hölle und ich bin genervt.

Ich brauche andere Menschen und Kontakt zum leben. Deshalb ist es für mich wichtig, das zu machen, was gerade möglich ist. Ich kann mich nicht nochmal so stark einigeln. Ich brauche Momente mit der Familie. Momente mit meinen Freunden. Mal einen Abend unbeschwert lachen. Mal einen Glühwein miteinander trinken. Denn dann kann ich spüren, dass das Leben auch noch ein bisschen Normalität für uns bereit hält.

Und dann ahne ich, dass da auch wieder andere Zeiten kommen werden.

In denen wir nicht mehr so abgeschnitten sind. In denen wir wieder ausgelassen sein werden. In denen wir Quatsch machen können, ohne über Inzidenzen nachzudenken. Ich weiß nicht, wie es bei euch ist, aber ich brauche diese Vision, um über den Winter zu kommen. Ich brauche Ziele und Vorhaben, Pläne von Urlauben und Besuchen und Festen und den großen und kleinen Highlights im Leben. Alles andere wäre ein nicht enden wollender November Rain, um es mit Guns N Roses zu sagen. Und das kann doch keiner von uns wollen. Auch wenn das Lied wirklich gut ist.

Und an alle, denen es gerade nicht so gut geht: Ihr seid nicht allein! ❤
Bei der Deutschen Depressionshilfe könnt ihr jederzeit Hilfe bekommen. Das hier ist die Nummer des Hilfetelefons: 0800 3344533

Love. Sonja.

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