Es lebe die Indiviualität: Warum ich keine Milestone-Karten mag.

 

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Photo by Marjorie Bertrand on Unsplash

“Jedes Kind ist anders, nur darin sind sich alle gleich.” (Verfasser unbekannt)

Als mein Mann und ich vor mittlerweile 3 1/2 Jahren staunend einen sich ständig in Rage schreienden kleinen Wutzwerg durch die Gegend trugen, klammerten wir uns an die Hoffnung, mit 3 Monaten werde alles anders.

Drei Monate – das war das erklärte Ziel. Dann würde sich die Kleine endlich in diese Welt eingewöhnen, hatte man uns erklärt. Die abendlichen (haha) rund-um-die-Uhr stattfindenden Schrei-Orgien würden sich bessern, das Kind schlafe durch, ließe sich im Kinderwagen transportieren, würde Autofahren schon noch lieben lernen und überhaupt –  alles wäre gut. Omas, Hebammen, andere Mütter, Kinderärzte, Internet – überall schien man mit mehr oder weniger guten Ratschlägen auf uns zu warten.

Es ist wohl müßig es zu erwähnen, aber ich mache es trotzdem: Nein, mit drei Monaten änderte sich verdammt nochmal gar nichts.

Unsere kleine Zuckermaus war das, was man heute auch ein sogenanntes High-Need-Baby nennt. Sie brauchte viel Körperkontakt ( den braucht sie bis heute), viel Nähe und Rückversicherung und sie fand dieses Babysein offensichtlich ziemlich beknackt.
Was ihr anscheinend tierisch auf den Keks ging, waren unter anderem das Sich-Kaum-Fortbewegen-Können; sie hatte große Probleme mit Lautstärke und verarbeitete die für sie viel zu heftigen Reize unseres normalen Alltags mit lautstarkem Brüllen.

Klar wurde uns Vieles davon erst im Nachhinein, als sie uns zunehmend mitteilen konnte, was ihr gerade Unwohlsein bereitete. Auf der Straße hielt sie sich die Ohren zu, sie schreckte zurück, wenn Autos vorbeifuhren, sie setzte all ihre Energie darein, ihren Bewegungsdrang zu kanalisieren.
Ja, unser Kind ist tatsächlich eines, dieser angeblichen Kinder, das mit neun Monaten frei laufen konnte. Sie hatte einfach in den letzten Monaten nichts anderes gemacht, als genau darauf hin zu arbeiten. Schlafen, essen, wachsen, sprechen – nichts war so immens wichtig für sie, wie sich endlich vernünftig fortbewegen zu können.
Noch heute rennt oder hüpft sie am liebsten und eines ihrer Lieblingsspiele ist es noch immer, mit Vollgas Marathon oder Fahrradrennen zu spielen. Ganz wie der Papa. 😉
Als sie an Weihnachten ihre ersten wackeligen Krabbelversuche startete, reichte ihr das nicht. Sie musste sich sogleich daran machen, sich am Tisch hochzuziehen und daran entlang zu laufen. Niemals war es genug. Auf jeden neuen erreichten Meilenstein folgte sogleich der erbitterte Versuch, den nächsten Schritt zu lernen.
Weshalb ich von den oben genannten Milestone-Karten nun aber null komma gar nichts halte, werdet ihr gleich verstehen.

Was sie alles nicht konnte… 

Anstatt sich mit dem Kind zu freuen, was es alles Tolles kann, wurde mir ständig vor Augen geführt, was es noch nicht beherrscht. Das war in den meisten Fällen überhaupt nicht böse gemeint, verletzte aber meine zarte Frischmama-Seele dann irgendwie doch.
Gerade bei ersten Kindern sind die meisten von uns ja doch anfällig für all diese kleinen hingeworfenen Bemerkungen.
“Also DU hast ja mit sechs Wochen durchgeschlafen” haben wohl viele von uns von den eigenen Eltern gehört. Das damals aber auch andere Erziehungsansichten herrschten… geschenkt. Auch meine eigene Mama meinte es nicht böse.
Wenn du aber selber völlig fertig und unausgeschlafen bist, weil dein Kind in guten Zeiten 2 Stunden am Stück schläft (und in schlechten bzw. Entwicklungs- /Zahnzeiten alle 20 Minuten aufwacht) und das fast zwei Jahre lang, dann trifft das eben doch einen empfindlichen Nerv.
Eine total blöde Kinderärztin, die uns tatsächlich zum Ferbern riet und die wir dann zum Ende des ersten Lebensjahres endlich wechselten und die vielen Kommentare von anderen Müttern rund um mich herum taten ihr Übriges.

“Spricht sie immer noch nicht?”

Während der kleine Julian beim Kinderturnen seine Mutter bereits in langwierige Diskussionen verwickelte und Wörter wie “Eisenbahn” korrekt aussprach, bediente sich mein kleiner Fisch lediglich lebhafter Gestik und Mimik.
Sie nahm mich an der Hand und führte mich zur Turnmatte, sie schüttelte lebhaft den Kopf, verzog den Mund oder strahlte über das ganze Gesicht. Kurzum, sie kommunizierte. Den ganzen Tag. Nur Sprechen, das tat sie nicht.

Und dennoch – das erste Wort kam. Spät, aber es kam. Als sie bereits über 1 1/2 Jahre alt war, vernahm ich plötzlich ein “NEIN”. Wie hatte ich mich nach einem zarten Mama aus ihrem Mündlein gesehnt. Aber mein Töchterlein hatte es sich anders überlegt. Nein –  das Wort war ihr wichtig. Und sie benutzte es fortan den lieben langen Tag. Während sie beim Fortbewegen-Lernen kaum jemals inne gehalten hatte, so war sie nun beim Sprechenlernen die Ruhe selbst. Alle paar Wochen tröpfelte ein neues Wort heraus. Zwei-Wort-Sätze, korrekte Aussprache oder gar Grammatik  – das alles hatte für sie keine Brisanz.

Was mir half

  • Remo Largo beruhigte mich als Erster. Sein Buch “Babyjahre” war die beste Investition, die ich machen konnte. Seite über Seite zu lesen, was alles “normal” ist, hat mich sofort auf den Boden geholt.
  • Die zweite Konstante wurde eine Mutter, die ich beim Babyschwimmen kennenlernte. In der Gruppenumkleide stillte sie gemütlich ihr Kind, bevor sie es wie ich in ein Tragetuch wickelte und wir kamen sofort ins Gespräch. Denn in der süddeutschen Provinz waren wir im Jahr 2014 noch richtige Exoten damit. (Nur zwei Jahre später bei Kind 2 bestaunte ich ungläubig die vielen Tragetüchter und Manducas um mich herum. :D) Schnell stellte sich heraus, dass ihr Töchterchen ebenfalls ein High-Need-Baby war. Zu hören und zu spüren, das ich nicht alleine war, tat so unglaublich gut und so hatten wir bald eine Standleitung über WhatsApp und verbrachten die halbe Elternzeit miteinander. (Danke Silke <3) Ich war nicht verrückt. Oder übervorsorglich oder einfach zu ängstlich. Unsere Töchter tickten wirklich anders und wir trudelten nun gemeinsam durch diesen etwas anderen Babyalltag.
  • Die Zeit. Als Mama von Monat zu Monat zu wachsen und mehr und mehr in meine Rolle zu wachsen, entspannte mich ungemein. Noch relaxter wurde ich mit der Geburt meiner zweiten Tochter, die gleich wieder alles “Gelernte” über den Haufen warf und es wieder anders machte. Zu sehen, wie viel die Kinder wirklich als ganzes Paket von Anfang an mitbringen, und was nicht von meiner guten oder schlechten Erziehung abhängt, das fand ich unglaublich erlösend.

Was mich stresste

So und nun kommen wir endlich zu den Milestone-Karten. Diese liebevoll gestalteten Karten sollen mit den dazugehörigen Fotos dokumentieren, was das Kind wann gelernt hat. Erstmal natürlich eine hübsche Idee. Zumindest wenn alles nach “Plan” läuft.
Sie haben mich aber ganz schön unter Druck gesetzt. Genauso wie die Email von Babycenter, die jeden Monat kam und mir erzählen wollte, was mein Kind nun kann. Genauso wie die Elternbibel “Oh je ich wachse” und genauso wie die anderen Mütter in Baby- oder Rückbildungskursen. Am allerschlimmsten fand ich übrigens im Nachhinein  die Erstmütter, die zwar genauso wenig Ahnung hatten wie ich, diese aber dafür umso vehementer verbreiteten.

Nach und nach wuchs bei mir die Erkenntnis, dass es eben nicht um das WANN geht.

Sondern schlicht darum, dass das Kind es überhaupt irgendwann kann. Alle Kinder schlafen irgendwann besser, laufen irgendwann und gehen irgendwann auch allein auf die Toilette.
Ob das nun besonders früh oder besonders spät der Fall ist, ist doch eigentlich ziemlich wurscht. Lassen wir unseren Kindern die Zeit, die sie dafür brauchen, können wir alle genau diese Zeit bis es soweit ist, viel entspannter genießen. Machen wir dagegen uns und unsere Kinder verrückt, geht es auch nicht schneller.

Und weil ich heute mit einem Zitat begonnen habe, möchte ich auch mit einem enden.

Zeit, die wir uns nehmen, ist Zeit, die uns was gibt. (Ernst Ferstl)

Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Love, eure Sonja ❤

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5 thoughts on “Es lebe die Indiviualität: Warum ich keine Milestone-Karten mag.

  1. Sehr schön geschrieben, liebe Sonja. Unsere Kleine ist auch recht anspruchsvoll. Ich mache es ihr nicht leicht und schiebe alles auf ihre Erkrankung😉Ich glaube sie wäre auch ohne diese ein Kind, das extrem viel Nähe braucht und sehr sensibel gegenüber Umweltreizen ist. Aber so ist es nunmal. Und so ist es ja auch nicht schlechter als bei anderen Nindern. Nur eben anders. Aber dieses Selbstbewusstsein als Mama zu bekommen um das sagen zu können, muss man sich erstmal aneignen. Das lese ich auch aus Deinen Worten. Wirklich schöner Text😊Ganz liebe Grüße

    1. Ich finde du hast da einen wichtigen Punkt angesprochen. Ich versuche auch mir immer vor Augen zu halten, dass die Maus mit ihrer “Art” nicht nur anstrengender ist, sondern eben auch einfach anders. Und wenn es besonders anstrengend ist, versuche ich, mir vor Augen zu halten, was das besonders Schöne an diesem Sensiblen ist. Z.b. dass sie sich wahnsinnig toll in andere einfühlen kann, sehr rücksichtsvoll und umsichtig ist mit anderen, sehr feinfühlig… etc. 🙂 Ganz liebe Grüße zurück!!

      1. Genauso ist es. Diese Sensibilität haben sie nicht nur bei sich selbst sondern übertragen es auch auf andere. Und das ist so schön zu sehen. Also, alles gut wie es ist😉Liebe Grüße Sonja

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