Das habe ich gelernt, weil ich mit behinderten Kindern in eine gemeinsame Schule gegangen bin

Photo by Anna Kolosyuk on Unsplash
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Eine Schulleiterin klagt gegen Inklusion an ihrem Gymnasium? Und Eltern finden das alles ganz nett, aber bitte nicht an ihrer Schule? Echt jetzt? In welcher Welt leben wir eigentlich? Ich möchte euch gerne erzählen, wie das ist, als nicht behindertes Kind mit eben solchen aufzuwachsen. Denn ich habe genau das erlebt.

Als ich 1989 eingeschult wurde, machte meine Grundschule bei einem Pilotprojekt mit. Behinderte Kinder sollten mit nicht behinderten Kindern zusammen unterrichtet werden. Eine völlig neue Idee damals.  Und für manche scheint sie noch immer etwas verrückt. Und das fast 30 (!) Jahre später!

Inklusion ist ein Geschenk für ALLE Kinder, ihr Deppen!

Also wie war das damals? Bin ich untergegangen, weil man auf meine Bedürfnisse nicht genug Rücksicht nehmen konnte? Nö!

Im Gegenteil. Ich durfte ganz vieles dazu lernen. Aber fangen wir von vorne an. Wir hatten eine Inklusionsklasse mit drei Kindern mit verschiedenen Behinderungen. Ein Junge saß einfach “nur” im Rollstuhl. Ein Mädchen hatte verschiedene Verwachsungen wie verformte Finger und ungleich lange Beine und ein anderes Mädchen war sowohl geistig als auch körperlich behindert.

Ich war in der Parallelklasse, aber natürlich kannten wir uns alle. Wenn ich heute daran zurück denke, so erinnere ich mich genau an die Gesichter dieser Kinder, denn natürlich fielen sie auf. Ich erinnere mich an unsere kindliche Neugier, mit der wir dem “Anderssein” begegneten und dieses thematisierten. Wir fragten, warum die Hand von Katrin (Mir fällt ihr richtiger Name leider partout nicht mehr ein. Genau wie die Namen von vielen, vielen anderen Mitschülern..) anders aussah und bewunderten wie anders sie Stifte hielt.

Woran ich mich nicht erinnere? An negative Gefühle, Abwertungen oder überhaupt Bewertungen. Menschen sind groß, klein, dick, dünn. Manche können schnell rennen, manche sitzen im Rollstuhl. So war das für uns Kinder. Nicht anders, als bei den anderen Mitschülern auch.

Patrick konnte gut Fußball spielen aber sehr schlecht verlieren. Benjamin konnte nicht laufen, war aber immer zu Späßen aufgelegt.
Ich erinnere mich auch nicht an die Organisation des Alltags meiner Mitschüler. Da kamen welche mit, die haben ihnen geholfen. Warum auch nicht?

Rollstuhlführerschein für alle

marleen
Einfach mal die Perspektive wechseln – meine kleine Tochter macht es vor. 😉

Einfach mal die Perspektive wechseln – das hilft ja oft. Und so erinnere ich mich an ein  Projekt, dass uns Kinder damals schwer begeisterte. Wir durften nämlich den Rollstuhlführerschein machen.

Und der kam uns ebenso gewichtig vor, wie z.B. die Fahrradprüfung, um auf der Straße fahren zu dürfen. (Durch die ich im übrigen  durchfiel, weil ich nicht gut genug im Kreis fahren konnte.)
Für diesen Führerschein bauten die Lehrer einen Parcours auf dem Schulhof auf. Wir übten Bürgersteige rauf und runter zu fahren. Fuhren im Kreis, bremsten und umkreisten Hindernisse. Wir erlebten am eigenen Leib, welche Behinderungen eigentlich im Alltag auf Menschen im Rollstuhl warten. Ich erinnere mich noch heute an meine Schwierigkeiten einfach mal den blöden Bürgersteig raufzukommen. Jeder von uns saß mal im Rollstuhl oder war als Begleitung eingeteilt. Jeder durfte erleben, wie wir sinnvolle Hilfe geben können oder wie es sich anfühlt, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. (Wobei ich glaube, dass Kinder das ohnehin aus ihrer eigenen Lebenswelt noch kennen.)

Diese Erfahrung, die nur ein klitzekleines Projekt in meiner Schulzeit war, hat mich trotz allem nachhaltig geprägt. Ich erinnere mich, wie ich mich als Fünftklässlerin, die nun mit dem Bus zur Schule fuhr, empörte, weil die Bushaltestelle bei uns vor der Haustür noch nicht behindertengerecht umgebaut worden war. Gerechtigkeit war mir ohnehin schon damals sehr wichtig und ich empfand den Umgang vieler Menschen mit “Behinderten” (Ich find das Wort immer noch nicht passend.) immer ziemlich ätzend.

It’s just an extra chromosome

Zusätzlich zu dieser Erfahrung, machte ich als Kind bereits Bekanntschaft mit mehreren Menschen mit dem Down Syndrom. Die kleine Schwester einer meiner besten Freundinnen wurde damit geboren. Und auf unserem Spielplatz spielten oft zwei ältere Menschen mit Down Syndrom. Ich kann deren Alter aus heutiger Sicht überhaupt nicht schätzen. Sie kamen mir von ihrer Größe her damals wie Erwachsene vor. Aber möglicherweise waren es auch Teenies. Sie benahmen sich irgendwie anders, sangen viel und wippten gerne und waren immer nett zu uns. Und die kleine Schwester meiner Freundin war süß. Oder auch mal nervig. Wie kleine Geschwister eben so sind. So viel zu den völlig wertfreien Beobachtungen einer Grundschülerin.

Was ich auch beobachtete: Das Erwachsene sehr unterschiedlich mit diesen Menschen umgingen. Manche mieden sie. Manche hoben die Augenbrauen. Manche machten einen Bogen um sie. Manche Menschen waren erschrocken, als sie von der Behinderung der kleinen Schwester meiner Freundin erfuhren. Und auch der Umgang (auch innerhalb der Familie) mit der Kleinwüchsigkeit meines Cousins lässt mich bis heute teils ratlos zurück.

Was wäre, wenn wir uns endlich mal an den Kindern ein Beispiel nähmen?!

Wir Erwachsene sind es, die Menschen mit Behinderungen behindern. Wir teilen die Gesellschaft ein. In lebenswert oder nicht. Und wir wollen nicht, dass unsere Kinder “damit” in Berührung kommen? Das ist so ein Bullshit, da fällt mir kein anderes Wort für ein. Unsere Kinder, die sind es, die wertfrei in die Welt hinein gehen. Und es ist unsere Aufgabe, diese Haltung aufrecht zu erhalten. Kindern ist es verdammt nochmal egal, ob jemand anders ist. Sie nehmen das an. Und Punkt.

Also was lernen die nicht behinderten Kinder, wenn sie mit Kindern im Rollstuhl, mit seh- oder hörbehinderten Kindern oder mit welchen mit einem extra Chromosom aufwachsen?

Sie lernen, dass Menschen unterschiedlich sind. Das Menschen unterschiedliche Bedürfnisse haben. Und das trotzdem alle gleich wertvoll sind. Sie lernen, dass sie mal Hilfe benötigen und mal Hilfe geben können. Sie lernen mit offenen Augen durchs Leben zu gehen. Ist das nicht viel wertvoller, als immer nur auf höher, schneller, weiter zu schielen?

Ich jedenfalls bin froh, dass meine große Tochter mit Maximilian aus unserer Straße in eine Kindergartengruppe gehen darf. Maximilian ist nämlich ein wirklich netter Junge. Ach so und er hat das Down Syndrom.  Aber danach hat meine Tochter noch nie gefragt. Warum auch?

Haben eure Kinder Berührungspunkte mit Kindern mit Behinderungen?
Und wenn ja, wie gehen sie damit um? Ich freu mich von euch zu hören.

Love, eure Sonja <3

 

18 thoughts on “Das habe ich gelernt, weil ich mit behinderten Kindern in eine gemeinsame Schule gegangen bin

  1. Danke!
    Danke für diesen Post, dass du allen mal sagst wie es auf der Seite aussieht “der armen Mitschülern” von Behinderten in Inklusionsklassen.
    Und in Wahrheit sind wir doch alle ein bisschen bluna und froh, wenn man uns so nimmt wie wir sind

    1. Eben drum! Nur vergessen wir Erwachsenen das gerne mal. Ich hoffe, ich habe die Kindersicht gut rüber gebracht.

    1. ja total. ich weiß auch leider gar nicht, wie es damit weiterging. unser jahrgang war jedenfalls ein absolutes testobjekt.

  2. Liebe Sonja,

    danke für diesen wertvollen Post. Ich habe einen kleinen Sohn mit Trisomie 21 und solche Beiträge machen mir Mut, dass es doch nicht nur Menschen gibt, die höher, weiter, schneller wollen. Dass es Menschen gibt, die für sich und ihre Kinder Diversität als wertvoll erkennen und sehen, worum es im Leben wirklich geht. Danke! ♥

    Liebe Grüße,
    Heike

    1. Liebe Heike! Ja die gibt es! Gerade in der heutigen Zeit sollten wir uns für mehr Menschlichkeit einsetzen, finde ich. Von daher sehr sehr gerne. Es war mir eine Herzensangelegenheit, das mal loszuwerden. Ganz liebe Grüße, Sonja

  3. Ich ging ab der 5. Klasse auf ein Gymnasium, das Modellschule für die Inklusion von Kindern mit Körperbehinderungen war. In der Nähe war ein Orthopädiezentrum mit angeschlossenem Internat, von wo aus die Kinder unsere oder eben die entsprechende Haupt- und Realschule, später Gesamtschule, besuchten. Dieses Projekt begann noch in den 60ern (wann genau, weiß ich tatsächlich nicht, ich kam 1969 auf diese Schule).
    Es war ähnlich, wie du es beschreibst – und die Gebäude waren mit Aufzügen, entsprechenden Toilettenanlagen, breiten Türen, Rampen u.ä. ausgestattet.
    Solche Dinge wie Rollstuhlführerschein gab es nicht, aber die Grundlagen habe ich trotzdem verinnerlicht und später gut für andere brauchen können.
    Und es stimmt, dass ich mich nicht erinnern kann, irgendwelche Einwände von Eltern gehört zu haben, auch keine blöden Bemerkungen von anderen Schülern. Einmal wohl hatte jemand einen dämlichen Spruch losgelassen, eher unabsichtlich, und wurde so gradegerückt von einem der Lehrer, wie nur selten jemand.
    Weniger sichtbare Behinderungen wurden allerdings genauso rücksichtslos behandelt wie überall …

    1. Danke für deinen ausführlichen Bericht. Es scheint, dass es echt schon sehr lange Inklusionsprojekte gibt. Schön zu hören, dass du ähnliche Erfahrungen gemacht hast. Und ja mit anderen Behinderungen oder Erkrankungen hast du absolut recht. Wir haben in der Familie auch einige Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen. Oft fehlt es leider immer noch an Verständnis und ganz simpel an Menschlichkeit. Aber schön zu sehen, dass es eben auch die anderen gibt. Liebe Grüße, Sonja

    1. Natürlich nicht. Niemand ist da, nur damit jemand anderer daraus lernt. Meine Intention ist es, die positiven Seiten für alle zu verdeutlichen und ich schreibe hier sehr subjektiv meine ganz persönlichen Erfahrungen als Kind auf.

  4. Danke für diesen Beitrag. Als blinde Mutter durfte ich oft erleben, dass manch einer ohne Behinderung meine Kinder mit meinen Betreuern verwechselt.

    1. Danke für deine Innensicht liebe Lydia. Mann so was Beklopptes, was du da erlebt hast. Das klingt ein bisschen wie das laut und langsam sprechen mit scheinbar ausländischen Mitmenschen.. Da kann man echt nur mit dem Kopf schütteln… Liebe Grüße und einen schönen Abend noch für dich!

      1. Auch mit uns Blinden wird gern laut und gut artikuliert gesprochen. Ich versuche dem durch Aufklärung in meinen Blogbeiträgen entgegenzuwirken.

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