Meine erste Geburt war ein magischer Moment – Miriam wird Doula

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Im ersten Teil meiner Interviewreihe “Mama macht das jetzt” hat uns Lisa erzählt, wie sie auf die Idee kam, einen bedürfnisorientierten Kindergarten zu gründen. Heute möchte ich euch Miri vorstellen, die kurz vor dem Staatsexamen zur Sonderschulpädagogin beschlossen hat, jetzt auch noch eine Ausbildung zur Doula zu beginnen.

Miri ist 26 Jahre jung, verheiratet, Mutter eines eineinhalbjährigen Sohnes und wohnt in Karlsruhe. Als wir abends telefonieren, nachdem unsere Kinder endlich schlafen, spreche ich mit einer warmherzigen und wahnsinnig reflektierten Frau, die so viel mehr Lebenserfahrung und Tiefe ausstrahlt, als ich von einer 26jährigen erwartet hätte.

Ich ahne, warum eine Freundin von Miriam aus “heiterem Himmel” auf die Idee kam, Miri könnte eine tolle Begleiterin für ihre Geburt sein. “Diese Erfahrung war ein magischer Moment”, erzählt Miri und die Idee, Doula zu werden, wächst heran.

Screenshot_20180420-110335Liebe Miri, in dieser Interview-Reihe stelle ich Mütter vor, die sich für Herzensangelegenheiten einsetzen. Du hast auf deinen Bauch gehört und beschlossen, kurz vor deinem Staatsexamen als Lehrerin nochmal etwas ganz anderes zu machen. Wie kam es dazu?
Nach der Geburt meines Sohnes spürte ich zum ersten Mal ganz leise, dass ich mir das auch gut für mich vorstellen könnte, Doula zu werden. Ich hatte eine Hausgeburt bei der zusätzlich auch eine Doula dabei war. Und die Doula hat für mich einen so großen Unterschied gemacht.

Obwohl du sogar eine Hausgeburt und damit ja schon eine 1:1 Betreuung hattest?  Wie kam denn das?
Ich hatte meine Doula zuerst kontaktiert und habe sie nach Hausgeburtshebammen gefragt. Und sie hat mir dann ihre eigene Hebamme empfohlen. Die beiden kannten sich also schon und die Hebamme findet Doulas für die emotionale und psychische Unterstützung ganz toll. Meine Doula hat sich also während der Geburt um den Zuspruch gekümmert, um Massagen und all solche Dinge. Und die Hebamme hat den Verlauf der Geburt im Blick gehabt und medizinisch betreut.

Das ist natürlich eine tolle Basis für die Geburtsbegleitung, wenn sich alle Parteien auch schon kennen. Gibt es denn sonst Berührungsängste zwischen Hebammen und Doulas? 
Die beiden haben sich total gut ergänzt. Das war für meine Hebamme deswegen auch total in Ordnung. Da bei uns in Karlsruhe aber auch eine Ausbildungsstätte für Doulas ist, arbeiten in unserer Region schon recht viele.

Hier haben einige Hebammen daher schon die Erfahrung machen dürfen, dass die Doulas ihnen keine Kompetenzen absprechen wollen. Im Gegenteil. Wir möchten mit ihnen gemeinsam daran arbeiten, dass es der Mutter oder dem Elternpaar während der Geburt gut geht.

Natürlich ist da mitunter auch Wehmut dabei, da die Doulas Aufgaben übernehmen, die die Hebammen besonders im Krankenhaus oft nicht mehr selber leisten können. (Mehr zur aktuellen Situation der Geburtshilfe, könnt ihr in diesem Brief einer Hebamme an Gesundheitsminister Spahn lesen.)

Für alle, die nicht wissen, was eine Doula ist. Kannst du uns die Aufgaben nochmal etwas erläutern? Und auch nochmal erklären, warum sich Doulas von Hebammen unterscheiden?

Die Doula ist wie eine sehr gute Freundin, die dich während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett begleitet. Sie begleitet dich auf der Reise in dein neues Leben. Sie verurteilt dich nie, hört dir zu und kann dir Optionen aufzeigen, die dir helfen können, deine eigenen Entscheidungen zu treffen.

Denn nur wenn die Schwangere alle ihre Optionen kennt, hat sie die Möglichkeit, wirklich selbstbestimmt zu entscheiden.  Das heisst auch, dass ich natürlich jede Art der Geburt begleite. Ob das nun ein Kaiserschnitt oder eine natürliche Geburt ist, wann immer eine Frau eine ständige Betreuung in einer vertrauensvollen Atmosphäre wünscht, bin ich dabei. Die medizinische Betreuung hingegen übernimmt weiterhin die Hebamme.

(Anmerkung Sonja: Das Wort Doula leitet sich vom altgriechischen Wort doúlē ab. Diese wird auch mit Dienerin oder Magd übersetzt. Die Doula soll laut Definition also der werdenden Mutter dienen.)

Wie lange dauert die Ausbildung zur Doula und was lernt ihr da?
Bei uns in Karlsruhe dauert die Ausbildung rund ein Jahr und beinhaltet etwa 200 Stunden Lernzeit. Davon sind 96 Stunden Anwesenheitszeit, in der wir von Doulas und auch von einer Hebamme unterrichtet werden.
Die restliche Zeit entfällt auf das Selbststudium von 18 Büchern und auf Hausaufgaben. Zu den Lerninhalten zählt unter anderem das Wissen über die Anatomie einer Geburt, Pränataldiagnostik, Zwillingsgeburten, Fehlgeburten, Wissen über Beckenbodenübungen, Massagen, Entspannungstechniken  und noch so vieles mehr.

Welche Fähigkeiten glaubst du, braucht eine Doula?
Auf jeden Fall eine positive Einstellung zu Geburten und zum Leben überhaupt. Sie braucht ein gutes Gespür dafür, wo und wann sie während einer Geburt gebraucht wird. Eine Geburt ist immer ein magischer Moment. Eine Doula muss während der Geburt herausfinden, wo genau ihr Platz in diesem Gebilde ist. Sucht die Gebärende Entspannung, braucht sie Zuspruch oder ist Zurückhaltung angesagt? Da sollte die Doula sich reinfühlen können.

Du hast vorhin erzählt, dass nach der Geburt deines Sohnes der leise Wunsch keimte, eventuell auch Doula werden zu wollen. Was war der ausschlaggebende Punkt?
Ich kam mehr oder weniger zufällig dazu, die Geburt einer Freundin begleiten zu dürfen. Sie sollte ein Sommerbaby bekommen und ihre Hebamme hatte sie schon vorgewarnt, dass sie möglicherweise genau dann im Urlaub sein könnte. Halb im Scherz fragte sie dann in die Runde, wer denn Zeit hätte und ich hab einfach Ja gesagt.
Ihre Hebamme war dann aber zum Glück doch da. Sonst hätte meine Freundin ihr Kind nämlich nicht zuhause bekommen, sondern wäre ins Krankenhaus gegangen. Ich durfte dann aber trotzdem dabei sein.

Und dann habt ihr das einfach so gemacht? Kanntet ihr euch gut? Immerhin ist eine Geburt ein sehr intimer Moment.
Absolut. Wir kannten uns sogar erst ein paar Monate. Aber meine Freundin erklärte mir, dass sich das für sie einfach passend anfühlen würde, wenn ich dabei wäre. Und der Vater des Kindes hatte auch nichts dagegen. Für die beiden musste einfach der Flow stimmen. Und so durfte ich dann zwei Wochen später als Freundin die Geburt ihres Kindes erleben.

Und der Flow stimmte.
Ja, anscheinend. Und ich bin den beiden so dankbar dafür, dass sie mir dieses Vertrauen entgegen gebracht haben. Die Geburt dieses Kindes war ein absolut magischer Moment für mich. Jede Geburt ist ein Geschenk und ab diesem Zeitpunkt war klar: Ich muss Doula werden! Wenn ich kein Geld zum Leben bräuchte und eine Rufbereitschaft nicht auch stressig wäre, dann würde ich das auch gratis machen. Es ist das wundervollste Erlebnis auf der Welt, dabei zu sein, wie ein Kind geboren wird.

Du studierst ja eigentlich Sonderschulpädagogik und stehst ja kurz vor deinem Staatsexamen im Sommer. Wirfst du jetzt alles über den Haufen?
Nein. Ich mache erstmal im Sommer wie geplant meinen Abschluss und dann werde ich zunächst zweigleisig fahren. Jetzt gerade beginnt mein erster Kurs zur positiven Schwangerschaftsbegleitung und dann werde ich sehen, wie sich das am besten weiter entwickelt. Eine Rufbereitschaft als Doula und ein Dienst als Lehrerin lassen sich natürlich nicht wirklich gut verbinden. Aber ich sehe den Dingen positiv entgegen. Es wird sich schon alles finden.

Du hast vorhin erzählt, dass Doulas auch Fehlgeburten begleiten. Du hattest selber vor ein paar Wochen eine Fehlgeburt und hast da sehr offen bei Instagram drüber gesprochen. Kommt deine Offenheit durch die ersten Erfahrungen deiner Ausbildung?
Nein, ganz und gar nicht. Ich glaube, das ist einfach Typsache. Ich war selber sehr erstaunt über die wahnsinnig vielen Reaktionen im Netz, die übrigens durchweg positiv waren. Mir haben so viele Frauen geschrieben und mir Mut gemacht. Viele haben von ihren eigenen Fehlgeburten berichtet. Ich habe keine Sekunde bereut, darüber gesprochen zu haben.

Auch eine Fehlgeburt ist ja etwas natürliches.
Ja und mir war vorher schon klar, wenn ich mit der Nachricht der Schwangerschaft schon weit vor der 12. Woche rausgehe, das dann eben auch noch was passieren kann. Ich wusste aber, dass ich das dann eh nicht mit mir allein ausmachen wollen würde, sondern auch damit umgehen wollen würde.

In den Reaktionen der Frauen ist mir aber auch bewusst geworden, wie unterschiedlich jede Frau so ein Erlebnis verarbeitet. Natürlich war ich traurig, aber ich war nicht am Boden zerstört. Für eine andere Frau kann aber auch eine Fehlgeburt, die noch viel eher stattfindet, eine richtige Katastrophe sein. Mir haben die vielen positiven Reaktionen sehr geholfen und ich habe den Austausch auf Instagram als wahnsinnig empathisch empfunden. Und genau diese Hilfe kann eben auch eine Doula sein.

Ein Vater hat mir mal gesagt, eigentlich könnte jeder von uns für fast jeden Lebensbereich eine Doula gebrauchen. Stell dir vor, du hättest immer einen Menschen an deiner Seite, der dich bestärkt und dir hilft, deine eigenen Entscheidungen zu treffen. Wäre das nicht toll?

Absolut. Da hätte ich auch nichts dagegen. Achtsamkeit ist ja auch so eines deiner Themen, nicht? 
Ja total. Ich hatte ein Seminar an der Uni, weil gerade auch Sonderschulpädagogen wohl  gerne mal Probleme haben, auf sich selber zu achten. Und das fand ich so inspirierend, dass ich einen YouTube Channel eröffnet habe. Ich wollte gern mit Spaß über Selbstwirksamkeit und Achtsamkeit aufklären.

Vor allem nachdem ich festgestellt hatte, das es auch gerade bei jungen Müttern zu Missverständnissen kommen kann, was mit Begriffen wie einer selbstbestimmten Geburt überhaupt gemeint ist. Also dass sie natürlich nicht bestimmt, wann das Kind kommt, aber das sie über das Setting bestimmen kann, über Geburtspositionen oder Interventionen. Das liegt mir einfach am Herzen.

Gerade die bedürfnisorientierte Erziehung steht ja auch in Verdacht, dass Mütter sich aufopfern müssten. Wie erlebst du Elternschaft bei euch in Karlsruhe? 
In meinem Umfeld fällst du eher auf, wenn du dein Kind nicht trägst, im Familienbett schläfst oder das Kind mit Baby Led Weaning ernährst. Ich finde aber, jeder sollte seinen eigenen Weg gehen dürfen und sich rauspicken, was  zur jeweiligen Familie passt.

Die bedürfnisorientierte Erziehung ist so toll, aber es geht eben um die Bedürfnisse aller Familienmitglieder, also auch die der Mütter. Das wird gern mal vergessen. Und ja, das alles kann gerade am Anfang auch echt anstrengend sein. Das sollten wir anerkennen.

Das stimmt. Und was ist für dich persönlich das Schöne an bindungsorientierter Erziehung?
Ich finde es schön, dass wir die Kinder wie Menschen betrachten. Das wir einander Vertrauen schenken können und dann damit belohnt werden, zu sehen, wie kompetent die Kleinen ganz aus sich heraus sind. Das sollte im Vordergrund stehen. Wir sollten uns weder daran messen, wie gut ein Kind “funktioniert” noch daran, wer sich am meisten aufgeopfert hat.

Was möchtest du uns noch mit auf den Weg geben? 
Ich finde, wir sollten alle etwas toleranter miteinander umgehen. Jede Mutter möchte  das Beste für ihr Kind. Ich fände es schön, wenn wir akzeptieren könnten, dass jede/r von uns dabei seinen eigenen Weg geht.
Und wir sollten etwas gnädiger zu uns sein. Wir müssen nicht perfekt sein. Stell dir vor, du hättest eine perfekte Mutter gehabt. Immer top gestylt, immer lächelnd, immer da, immer verständnisvoll und immer präsent. Ist das nicht auch etwas gruselig? Es ist okay, wenn die Kinder merken, Mama hat auch eine Grenze. Mama hat auch mal Feierabend. Ich glaube, die verkraften das. 🙂

Da bin ich ganz bei dir. Liebe Miri, danke für dieses tolle Gespräch.
Für alle, die mehr über Miri erfahren möchten, hier geht es zu Miris Webseite als Doula, hier zu ihrem YouTube Channel und hier zu ihrem Instagram-Account.

Mehr Infos über die Ausbildung zur Doula findet ihr bei Doulas in Deutschland oder auch bei der Gesellschaft für Geburtsvorbereitung. Wenn ihr eine Doula für eure Geburt sucht, dann schaut doch mal bei Doula-Info vorbei.

Du bist auch eine Mama, die sich um eine Herzensangelegenheit kümmert? Dann schreib mir. Ich freu mich auf neue inspirierende Gespräche.
Love, eure Sonja. <3

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